Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

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Dritter. Abschnitt. Drittes Aapitel.

erbaum, in welche seine Gattin eingesenkt wurde. Es existüch wie bei
Ursinus zu lesen ist, ^ kein Stiftungsbuch dieser Kapelle, es läßt sich daher
auch die eigentliche Zeit ihrer Erbanung nicht nachweisen; aber es ist kaum
zu bezweifeln, daß ihre Entstehung in die oben angegebene Zeit falle, und
wenn wir der innigen Liebe eingedenk sind, womit Herzog Georg den Ver-
lnst seiner trenen Barbara betrauerte, so dnrsen wir annehmen, daß er
seitdem sortwährend darauf bedacht war, diese Stätte, nicht bloß in Erinnernng
an die ihm vorangegangene Lebensgefährtin, sondern auch in der Absicht,
sich einst selber an ihre Seite betten zu lassen, in der würdigsten Weise zu
schmücken; denn wenn wir auch wissen, daß Churfürst Johann Georg II.
diese Begräbnißstätte seines Urgroßoheims neu herstellen ließ, so schließen
doch die Verhältnisse, unter welchen Herzog Georg aus der Welt ging, die
Vermuthung aus, daß irgend einer seiner unmittelbaren Nachfolger
diese Kapelle in der Weise geschmlickt haben könne, wie sie uns jetzt noch
erhalten ist. Die ganze Ausstattung der Kapelle deutet vielmehr daraus
hin, daß Herzog Georg sich selber seine Ruhestätte neben seiner Gattin
vollstündig bereitet hatte, als er am 17. April (1539) seine Augen schloß.
Beim Eintritt in diese kleine, aber vielfach interessante Kapelle, fällt unser
Blick zunächst auf ein in der Mitte der nach Morgen gelegenen Wand
angebrachtes Gemülde, „den erblaßten Leichnam des Erlösers, neben ihm
Maria und Johannes" darstellend, ein Bild, aus welchem Cranach's Art
uns so lebhaft anspricht, daß wir eine der ültesten Benrtheilungen dieses
Bildes auch sür heute noch in Geltung lassen können: „Die Stellung und
Bildrnig des Leichnams Jesu, der traurige schmerzvolle Affect in dem
Gesichte der Maria, die Mischung einer zärtlichen Bekümmerniß und
gelassenen Rnhe in den Augen und auf den Wangen des Johannes sind je,
wie die Colorite aller Anfmerksamkeit nnd Betrachtung würdig."^ Diese
schöne Epitaphtafel vervollständigen die ebenfalls von Cranach gemalten
Bildnisse des Herzogs Georg nnd seiner Gemahlin Barbara, beide in
schwarzer Kleidung, knieend und mit erhobenen Händen, neben und hinter
beiden zwei Heilige. Unter dem Bildniß des Herzogs stehen aus dem ersten
Briefe Petri die Worte: „Ustoto snbäiti onrni llnmanno erontnrno proptor
Uouirr", und unter dem Bildnisse der Herzogin Barbara die Bibelstellen
(aus Ephes. 5 und 1. Tim. 2): „ückulioreZ äolwirt 6886 8nl)äitn6 — tinr6nnt
nrnritunr" und „Unünrok lrnlmant lron68tnnr V68tituin ennr ourni äwero-

^ ttrsinus, Geschichte der Domkirche zu Meißen, S. 56; vergl. Ebert, Der
Dom zu Meißen, S. 98 ff.; IHmieü ^nunt. Nisu. 191.

^ tlrsinus, S. 56.
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