Cranach, Lucas [Editor]; Lüdecke, Heinz [Editor]
Lucas Cranach der Ältere: der Künstler und seine Zeit — Berlin, 1953

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HEINZ LADENDORF

CRANACH UND DER HUMANISMUS

A

91. Bildnis Dr. Christoph Scheurls • 1509

us der Sehnsucht nach einem freien Dasein und dem Vertrauen in das eigene Können wachsen im
Zeitalter der Renaissance den Künstlern Kräfte zu, die sie befähigen, die Gebundenheit mittelalterlicher
Darstellungsweisen zu überwinden und nach dem Vorbild der Antike die Schönheit und Größe des
Menschen in ihren Werken zu feiern. Während der Künstler aus der Namenlosigkeit dienstwilligen, auf-
tragsgebundenen Handwerks zu eigener Leistung aufsteigt, mühen sich gelehrte Denker, die Nacht der
Dunkelmänner aufzuhellen, und setzen gegen erstarrte Überlieferung und überlebten Zwang neue For-
schungen und eigene Anschauungen.

Der Zusammenhang des großen Wcltgebäudes wird unvoreingenommen betrachtet und die Geschichte
kritisch durchmustert. Aber das Studium, das in die Tiefe dringt und von neuem die Kenntnis der alten
Sprachen zu einer weiten, freien Umschau nutzt, ist noch keine Macht, die auf begehrend dem allgemeinen
Dasein eine neue Form geben kann. Der Spott von den dünnen Lippen des Erasmus erbittert oder
belustigt, ohne daß die das Welttreiben verachtende Weisheit dem Leben der Zeit eine neue Ordnung
zu geben versuchte, und der Kopf des Thomas More, der eine Insel vernünftigen Daseins als Utopia
erträumte, rollt unter dem Beil despotischer Willkür in den Korb.

An allem Neuen dieser großen, weltverändernden Epoche haben die Künstler vielfältigen Anteil. Schön-
heit und Ebenmaß des Menschen zu schildern, ist ihnen allein gegeben. Die Weite bewegter Landschaft

im Lichte zu.zeigen, vom Leben
der Natur, von alten Bäumen,
hellen jungen Birken, dem Spiel
der Wolken zu erzählen, die Blu-
men und Gräser, das Getier zu
beobachten, vermag die Dich-
tung erst im 18. und 19. Jahr-
hundert so, wie es die Malerei
des 16. Jahrhunderts längst vor
aller Augen gestellt hatte. Viele
Werke bergen künstlerische Er-
kenntnisse, zu denen das Denken
und die Sprache allein nicht oder
noch nicht fähig waren. Die Ge-
staltungen der Kunst sind nicht
eine illustrative Begleiterschei-
nung des Humanismus, sondern
ein unaustauschbar notwendiger
Teil neuer schöpferischer Welt-
erkenntnis. Die bildende Kunst
der Zeit gibt der Gelehrsamkeit
des Humanismus so viel und
mehr, als sie von ihr empfängt.
DasSchicksalforschend betrach-
tender Mühe, das in die Fesseln
des Nachsinnens gebannte Den-

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