Lüdecke, Heinz [Bearb.]; Cranach, Lucas [Bearb.]
Lucas Cranach der Ältere im Spiegel seiner Zeit: aus Urkunden, Chroniken, Briefen, Reden und Gedichten — Berlin, 1953

Seite: 68
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Seiten 21 f.
Tafel 9

LUTHER UND CRANACH ALS FREUNDE

Martin Luther an Lucas Cranach

Dem fürsichtigen Meister Lucas Cranach, Maler zu
Wittenberg, meinem lieben Gevatter und Freunde.
Jesus! Meinen Dienst, lieber Gevatter Lucas! Ich segne
[Euch] und befehle Euch Gott. Ich lasse mich eintun
und verbergen, weiß selbst noch nicht wo. Und wiewohl
ich lieber hätte von den Tyrannen, sonderlich von des
wütenden Herzog Georgen zu Sachsen Händen, den Tod
erlitten, muß ich doch guter Leute Rat nicht verachten
bis zu seiner Zeit. Man hat sich meiner Zukunft in
Worms nicht versehen, und wie mir das Geleit ist
gehalten [worden], wisset ihr alle wohl aus dem Verbot,
das mir entgegen kam. Ich meinte, Kaiserliche Majestät
sollte einen Doktor oder fünfzig haben versammelt und
den Mönch redlich überwunden; so 1 ist nichts mehr hier
gehandelt denn soviel: Sind die Bücher dein? Ja. Willst
du sie widerrufen oder nicht? Nein. So hebe dich. Oh,
wir blinden Deutschen, wie kindisch handeln wir und
lassen uns so jämmerlich [durch] die Romanisten äffen
und narren! Sagt meiner Gevatterin, Euerem lieben
Weibe, meinen Gruß und daß sie sich dieweil wohl
gehabe. Es müssen die Juden einmal singen: Jo, jo, jo!
Der Ostertag wird uns auch kommen, so wollen wir
denn singen Alleluja. Es muß eine kleine Zeit geschwie-
gen und gelitten sein. Ein wenig seht ihr mich nicht,
und aber ein wenig, so seht ihr mich, spricht Christus
(Joh. 16, 16). Ich hoffe, es soll jetzt auch so gehen.
Doch Gottes Wille, als der allerbeste, geschehe hierin
wie im Himmel und [auf] Erden. Amen (Matth. 6, 29).

1 Lies: doch.

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