Lüdemann, Wilhelm von
Neapel wie es ist — Dresden: P. G. Hilschersche Buchhandlung, 1827

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vollfommen gluͤcklich. Die Zeit, welche ihr die
ctwas langſame Geſangweiſe und einige Accorde
vor der Eroͤffnung jeder Stanze gewaͤhrten, ge—
nuͤgten ihr, den poetiſchen Bau auf das jedesmal
empfangene Reimwort vollkommen richtig zu gruͤn—
den und auszufuͤhren, und jedes einzelne Glied ih—
res Geſanges haͤtte nur geringer Feile bedurft,
um in einem Lande fuͤr hohe Poeſie zu gelten,
das alljaͤhrlich unter einer Fluth von waͤſſrigen
Sonnetten erſtickt.

So gluͤcklich, wie dieſe, fuͤhrte die Saͤngerin
auch alle uͤbrigen Aufgaben durch, die mit immer
gehaͤufteren Schwierigkeiten wiederkehrten. Bald
war es ein gegebner Refrain mit Reimen, die
ſich auf den Hauptvers bezogen, bald eine kuͤnſtli—
che Verſchlingung der Reimzeilen, die ihre Kunſt
pruͤften und bewaͤhrten. Unter krampfhaften Bei—
fallsrufen ſank der Vorhang und die Laute der
neuen Sappho verklang. —

Eine deutſche Verſammlung wuͤrde nach einer
ſo uͤberraſchenden Leiſtung einiger Zeit bedurft ha—
ben, um auf andre Stoffe uͤber zu gehen. Nicht
ſo dieſe Neapolitaner. Mit der größten Leichtig—
keit ging die Unterhaltung, frivol und alltaͤglich
da wieder fort, wo ſie der begeiſtertſte Beifall un—
terbrochen hatte. — Der Neapolitaner fuͤhlt leb—
haft und ſchnell, aber weder tief, noch dauernd:
ſeine Empfindungen gleiten uͤber ſeine Seele, wie die
Stuͤrme uͤber ſeinen ſchoͤnen Golph ohne bleibenden
Eindruck dahin: thurmhoch ſteigt die Fluth; doch
ein Augenblick genuͤgt, das Laͤcheln der heiterſten
Ruhe uͤber die krauſen Wogen zuruͤckzufuͤhren. —


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