Germanisches Nationalmuseum [Editor]; Mende, Matthias [Oth.]; Dürer, Albrecht [Oth.]
Dürer-Bibliographie: im Auftrag des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg zum Dürer-Jubiläumsjahr 1971 — Wiesbaden, 1971

Page: XIII
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mende1971/0017
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Wer kann die Dürerliteratur noch
überblicken!

Hans Tietze, 1930

EINLEITUNG

Der stille Vorwurf, bibliographische Arbeit, mühsam und zeitfressend, sei im Grunde
nichts anderes als eine perfektionierte Ausrede, um sich vor wissenschaftlicher Tätigkeit
zu drücken, ist auch dem Bearbeiter dieses Bandes nicht erspart geblieben. Sieht man
davon ab, daß die Kritiker nicht selten zu den weniger Publikationsfreudigen der
kunsthistorischen Zunft gehören, die selten in die Verlegenheit kamen, ein Schriften-
verzeichnis zu Rate ziehen zu müssen, so steckt doch genügend Wahrheit in dieser
boshaften Behauptung, um den verständlichen Drang, die eigene Mühsal von Jahren
dagegen zu verteidigen, nicht aufkommen zu lassen. Heinz Ladendorf, dem diese
Literatursammlung so vieles verdankt, hat vor Jahren einem ähnlichen Unternehmen
ein Zitat Erwin Panofsky’s (1892—1968) vorangestellt, das auch Hans Sedlmayr
aufgriff, als er den ersten Band der „Bibliographie der Kunst in Bayern“ der Öffent-
lichkeit vorstellte1: „Bibliographen sind gleichsam die Lokomotivführer in der Wis-
senschaft: ihre schwere und verantwortungsvolle Arbeit ermöglicht es den Passagieren,
ohne Mühe und mit großer Geschwindigkeit an Ziele zu gelangen, die die schlechten
Fußgänger unter ihnen überhaupt nicht und die guten nur mit zwanzigfachem Zeitauf-
wand erreichen würden; sie dürfen sich während der Fahrt nicht um die Schönheit der
von ihnen durcheilten Fandschaft bekümmern, und ihre Namen dringen nur dann in die
Öffentlichkeit, wenn nach tausend wohlgelungenen Fahrten einmal ein leichterer oder
schwererer Unfall passiert ist; denn Bibliographien werden gewöhnlich nur dann zitiert,
wenn sich in ihnen irgendwo eine Lücke oder ein Irrtum herausgestellt hat“2. Dieser
poetisch-bildhaften Rechtfertigung steht das ernüchternde Bekenntnis des erfolgreich-
sten deutschen Dürer-Forschers der mittleren Generation gegenüber, der apodiktisch
meint und beweiskräftig zu begründen weiß, bei seiner Beschäftigung mit Dürer faktisch
mit einem Dutzend Büchern ausgekommen zu sein. Daß diese Einstellung zum Dürer-
Schrifttum nicht bloße untertreibende wissenschaftliche Koketterie ist, wird ein Blick
in die Dürer-Bibliographie beweisen. Überdeutlich zeichnet sich ab, daß auf den Flan-
ken des verzettelten Zitatenberges das unfruchtbare Geröll und der entbehrliche Schutt
überwiegen. Dürers Popularität drückt sich auch im Gedruckten aus, das die wenigen
großen Monographien immer und immer wieder ausschlachtet und in volkstümliche

1 Gisela Krienke [G. Zick geb. Krienke]: Bibliographie zu Kunst und Kunstgeschichte. Veröff.
im Gebiet d. Deutschen Demokratischen Republik 1945—1953. (Vorw.: Heinz Ladendorf.)
Leipzig 1956. V.

Hans Wichmann: Bibliographie der Kunst in Bayern. 1. (Vorw.: Hans Sedlmayr.) Wiesbaden
1961. XIII. = Bibliographien. Hrsg, von d. Kommission f. Bayer. Landesgesch. bei d. Bayer.
Akad. d. Wiss.

2 Zs. f. Kunstgesch. 1, 1932, 160.
loading ...