Migge, Leberecht
Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts — Jena, 1913

Page: 139
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VII. WEGE ZUR NEUEN GARTENKUNST

A. ACH, WIR HABEN KEINE KUNST!

Man mag es so wichtig oder unwichtig nehmen wie man will: ich
habe ein gewisses Vorurteil gegen „künstlerische" Betätigung inner-
halb unserer derzeitigen Lebensgemeinschaft. Jedenfalls in bezug auf
den ausschlaggebenden Einfluß der Kunst in dieser Gemeinschaft; sie
kann hier nicht wirklich echt produzieren. So scheint mir auch die
Künstlerschaft unserer Tage mit wenigen Ausnahmen recht eigentlich
weitabgekehrt, romantisch insofern, als sie nicht nur, faktisch unbe-
streitbar, den inneren Anschluß an das Geschehen unserer Tage noch
nicht gefunden hat, sondern noch vielmehr, als sie auch kaum schon all-
gemeiner den Willen dazu bekundet. Das, was unsere Künstler uns heute
im Durchschnitt zu sagen sich bemühen, das konnte auch schon ein Caspar
David Friedrich oder Philipp Otto Runge mitten im 19. Jahrhundert
schaffen. Es kommt für die endgültige Erfüllung der Aufgaben der
Künstlerschaft einer Generation nicht zuletzt auch darauf an, Stoffe
zu sichten und zu bilden, die dem Wirkungsbereich der eigenen Zeit ent-
stammen, mit der Wahl des Stoffes also schon Arbeit zu leisten, welche
andere vor ihnen, so bedeutend sie sein mochten, schlechterdings nicht
hätten leisten können. Geschieht das aber ? Es geschieht sehr selten,
daß die heutige Kunstausübung als Ganzes ihre Stoffe mehr als rein
äußerlich dem kapitalistisch-sozialen oder technisch-wissenschaftlichen
Urgrund des 19. Jahrhunderts entnimmt, und die kosmopolitischen An-
sätze des zwanzigsten haben ebenso wie seine moralischen Steigerungen
und seine psychologischen Verfeinerungen kaum schon bedeutende
Interpreten gefunden. Aber die Erschließung des Weltalls, die Ent-
deckungen und Erfindungen, das förmliche Hereinbrechen des techni-
schen Zeitalters, unsere Massenkriege, die Hoffnung oder die Geißel
Kapitalismus über uns, das neue religiöse Keimen überall — sind das
kleine Dinge ? Sind es nicht die eigentlichen Vorwürfe, die unser Kunst-
wollen zu Taten reizen müßten ? Kunst, d. h. eigene und damit erst
wirkliche Kunst entsteht entweder im Zusammenhänge mit den ethischen
Erlebnissen der eigenen Zeit — oder gar nicht. Was wir heutzutage mit
„hoher Kunst" zu umschreiben pflegen, ist eben nicht Ausdruck einer
geschlossenen Weltanschauung, vor allem nicht unserer Weltanschau-
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