Migge, Leberecht
Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts — Jena, 1913

Page: 152
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VIII. DER DEUTSCHE GARTEN

A. SOZIALE GÄRTEN

Immer bestimmter muß es ausgesprochen werden: es kann sich für
uns nicht allein darum handeln, ob unser Garten gut und harmonisch
aussehen könnte, sondern die Frage heißt: wie kann der Garten glück-
spendend für die heutige Menschheit werden ? Denn daß es Zeiten gab,
wo er diese Aufgabe mehr oder weniger erfüllte, wissen wir ja. Und
wenn es auch nur gewisse Stände und bevorzugte Schichten, Volks-
teile waren, denen er eine glückliche Folie gab, sein Einfluß auf das
Leben der Völker als Gesamtheit war auch dann noch so stark, seine
Wirkung auf Generationen voraus noch so groß, daß uns diese be-
schränkten Gärten der Geschichte lebendig sind als sähen wir sie
heute.

Und wir merken aus allem schon: ein Reservat der Bevorzugten
des Reichtums oder des Geistes wird unser zukünftiger Garten nicht
sein, darf er nicht sein. Unsere Gartenkultur ist, wenn überhaupt,
nur auf einer gegen alles Gewesene unendlich erweiterten Grundlage
denkbar. Um wieviel größer mag dann aber auch, in der Erfüllung,
ihre Wirkung auf die Erhöhung der Menschheit sein!

Wir sind heute ein Volk von 65 Milhonen; in 20 Jahren mögen die
Achtzig voll sein. Wie viele erfreuen sich davon des Glückes eines
eigenen Gartens ? Es sind nur wenige. Im Jahre 1907 zählte man
in Deutschland 8 Hektar eigentliche Gärten aller Kategorien auf je
1000 Einwohner. Das macht, wenn man nur ein Drittel davon auf Gemüse-
und Obstgärten als reine Erwerbsanlagen und ein weiteres Drittel
auf die vielen nutzlosen oder nur zum Teil nutzbaren Vorgärten, An-
stalts-, Vereinsgärten und die öffentlichen Anlagen rechnet, auf 1000
Menschen etwas mehr als 2 V ha Privatgärten. Wenn jeder Garten
davon mit nur einem Morgen (2500 qm) durchschnittliche Größe
angenommen wird — es gibt viele Parks, die mehr als das Zehnfache
aufweisen — so haben von 1000 Deutschen nur 10 eigene Gärten.
Nicht einmal alle Bemittelten besitzen bei uns also einen Garten
und, da die Landkreise in dieser Aufstellung mit einbegriffen sind,
so kommt in den Großstädten hochgegriffen auf 100 Familien über-
haupt erst einer. In einen mäßig großen Garten also müssen sich immer

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