Mitteilungsblatt der Arbeitsgemeinschaft Süddeutscher Kunstgewerbevereine — 1.1926

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Nummer 2

München, September 1926

MITTEILUNGSBLATT

DER ARBEITSGEMEINSCHAFT

SÜDDEUTSCHER KUNSTGEWERBEVEREINE

Angeschlossene Vereine: BAYER. KUNSTGEWERBEVEREIN MÜNCHEN / BADISCHER KUNSTGEWERBE-
VEREIN KARLSRUHE / KUNSTGEWERBEVEREIN PFORZHEIM / KUNSTGEWERBEVEREIN DER PFALZ
KAISERSLAUTERN / KUNSTGEWERBEMUSEUM FÜR EDELMETALLINDUSTRIE, SCHWÄB. GMÜND

Deutscher Amerikanismus.

Der Amerikanismus, umwoben von phantastischen
Vorstellungen wie „Freiheit", „unbehinderter Aufstieg
des Tüchtigsten", „Achtung vor der Arbeit", „Allge-
meine Solidarität", „Erfrischende Sachlichkeit", „Un-
beschränkter Gelderwerb" u. a., ist heute dem einen
Wirtschafts-, dem andern „Kulturideal", ohne daß
ernstlich versucht würde, dem verschleierten Bilde mit
der sonst so hochgepriesenen deutschen Gründlichkeit
beizukommen. Vielfach wirkt sich auch Abneigung gegen
manche Nebenumstände unseres europäischen Daseins
mehr temperamentvoll als überlegt in der Vergötterung
Amerikas aus. Nun könnte man das Wirtschaftsproblem
Amerika berufener Kritik von Fachleuten überlassen,
wenn nicht unsere Zeit so sehr von Wirtschaft beherrscht
wäre, daß diese auch alle anderen Fragen maßgebend
beeinflußt. So aber mag auch der Laie einmal über-
denken, ob amerikanische Produktionsmethoden sich
schematisch auf unsere Verhältnisse übertragen lassen.
Ob nicht vielmehr ein Absatzgebiet die Voraussetzung
dafür bildet, das innerhalb der Zollgrenze an Fläche
unserem ganzen Europa gleichkommt, es aber an Boden-
schätzen, natürlichem Reichtum und — Kaufkraft um
ein Vielfaches überragt. Hier kann mit einer Technik
und einer Kapitalinvestierung gearbeitet werden, die an
unseren beschränkten Absatzmöglichkeiten zu schänden
werden müßten und namentlich bei einer Produktion
versagen, die mehr auf Qualität als auf Masse angewiesen
und eingestellt ist. Den Laien blendet die Riesenproduk-
tion eines Ford, dessen höchste Leistung aber nicht
darin, sondern im Absatz besteht, und man mag die
Frage auf werfen, ob der Fordismus — dessen Wurzeln
nebenbei auf den preußischen Militarismus zurückgehen
— gleiche materielle Erfolge aufweisen wird, wenn erst
einmal die Zeit der Einführung des Autos vorüber ist
und die Produktion mehr oder weniger auf den Nach-
schub von Ersatz angewiesen wird.* Wo man ansetzt,
ergeben sich verfängliche Einwände, die vor Über-
schätzung warnen. Die mit „Bandarbeit" organisierten
amerikanischen Musterbetriebe weisen einen Arbeiter-
wechsel von durchschnittlich 30% im Jahre auf, so daß
also der einzelne Arbeiter diese Tätigkeit kaum viel
länger erträgt als drei Jahre. Auch werden dazu in der

*) Während der Drucklegung erfahren wir, daß die Ford-
Betriebe z. Zt. nur mehr mit 65% ihrer Leistungsmöglichkeit
beschäftigt sind, weil die Überschwemmung des Marktes eine
Abneigung gegen den Fordwagen erzeugt- hat. Auch hier:
Menschliches als Grenze der Uberorganisation.

Hauptsache die neu eingetroffenen Einwanderer ver-
wendet. Man sieht: eine deutlich wahrnehmbare Grenze,
wie weit der Mensch an die Maschine gekettet werden
kann, eine Grenze, die vielleicht überhaupt für die
Industrie-Entwicklung beachtenswert ist. Trotzdem geht
der deutsche Amerikanismus mit tiefgründigen Speku-
lationen um, wie weit man nicht nur das Werkzeug und
den Arbeitsvorgang, sondern darüber hinaus die Woh-
nung, die Lebenssitten, das Familienleben, den Kunst-
genuß mechanisieren kann. [Man suggeriert sich und
möglichst vielen anderen, daß wir in naher Zeit alle
„Bandarbeiter" sein müssen, daß diese von Amerikanern
selbst als krasseste Form der Sklaverei bezeichnete Tätig-
keit die erfolgversprechendste Betätigung der Mensch-
heit darstelle und die unbedingte Norm unserer Zukunft
sei. Solchem Ausblick legt man die weitere unbeweis-
bare Behauptung zugrunde, daß der Individualmensch
Goethe'scher Prägung fossil sei und nur die industrielle
Arbeitermasse in Zukunft noch Existenzberechtigung,
Triebkraft und die Fähigkeit zur Lösung von Kultur-
aufgaben habe, Kollektivwille an Stelle überlebten Führer-
tums treten müsse. So sieht in heutiger Formung das
Kulturideal des deutschen Amerikanismus aus. Mit
dieser unnötigen Überstürzung des Maschinentums
möchte man die Maschine sich Untertan machen. Kein
Vernünftiger will die Zeit aufhalten und die sinngemäße
Übernahme erprobter Fortschritte technischer wie orga-
nisatorischer Art aus sentimentalen Regungen hindern.
Auch ist seit Morris die Erkenntnis allgemein geworden,
daß landarme Bevölkerungsmassen ohne Industrialisie-
rung wirtschaftlich nicht fortleben können. Anderseits
hat sich aber hinreichend gezeigt, daß nichts schwerer
ist, als den Lebensstandard, die einmal gewohnten An-
sprüche des Menschen, zurückzuschrauben, und selbst
der Hunger hat bei diesem Werke nur schwächliche Er-
folge erzielt. Den Deutschen allgemein auf die geistige und
seelische Anspruchslosigkeit des Amerikaners herunter-
zudrücken, dürfte eine ebensowenig dankbare Aufgabe
sein, obwohl Radio, Magazin, Kino, Revue, der Sport
der Zuschauer und andere aussichtsreiche Mittel den
Weg zu ebnen versuchen. Man muß aber weiter sehen:
Kann denn überhaupt eine so allgemeine Verindustriali-
sierung der Menschheit eintreten, daß das Zukunftsbild
des deutschen Amerikanismus sich bewahrheitet? Die
höchst entwickelte Industrie kann nicht mehr verzehren,
als die Landwirtschaft an Nahrungsmitteln erzeugt. Die
Landwirtschaft verträgt aber ihrer Natur nach (Gesetz
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