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Mitteilungsblatt der Arbeitsgemeinschaft Süddeutscher Kunstgewerbevereine — 1.1926

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Danzer, Paul: Die Arbeit der deutschen Kunstgewerbevereine
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Segmiller, Ludwig: Der funktionelle Stil und das Kunstgewerbe
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https://doi.org/10.11588/diglit.9334#0007
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bunden sind, wenn man nicht im Reich der Worte bleiben
will, sei nur erwähnt. Als dringendes Problem liegt z.B.
die Frage vor, wie die kunstgewerbliche Erzeugung dem
Bedarf nach Art und Umfang angepaßt werden kann, eine
Frage, die wieder aufs engste mit Gestaltungsproblemen,
aber auch mit technischen Dingen wie der Verwendung
maschineller Einrichtungen zusammenhängt.

Und nun zum Laientum: Kunst und Volk haben
die Fühlung miteinander immer mehr verloren und wir
leben in dem merkwürdigen Zwiespalt, daß das, was von
den „Sachverständigen" als prägnantester Zeitausdruck
gepriesen wird, in der Zeit gar keinen Widerhall findet.
Die Schuld liegt auf beiden Seiten und am System. Man
greife nur ein Beispiel heraus: Wo sind die Erfolge der
rühmenswerten Arbeit geblieben, die man auf bessere
Gestaltung der Arbeiterwohnung verwendet hat? Oder
hat der psychologisch (!) bemerkenswerte Vorschlag,
Großvaters Möbel mit der Handsäge zu veredeln, irgend-
wo Früchte gezeitigt? Erst die Wohnungsnot hat da
und dort obdachlose Familien in neuzeitlich gestaltete
Wohnräume gezwungen, deren dürftige „Raumkunst"
sie nach Möglichkeit zu verwischen bestrebt bleiben.
Wohl trugen Verständnislosigkeit der Massen, aber auch
Täuschung über das Erreichbare und Weltfremdheit zu
dem Mißerfolg bei, dennoch wurde unendlich viel
geistiger und wirtschaftlicher Aufwand an den sentimen-
talen Irrtum vergeudet, die breiten Massen von heute
auf morgen zur Kunst erziehen zu wollen, eine Aufgabe,
an die ohne vorherige gründliche Lösung näherliegender
sozialer Probleme gar nicht herangegangen werden kann.
Bis dahin muß alle Volksbildung leider eine recht
extensive Arbeit bleiben. Wenn die Brücke zwischen
Kunst und Volk geschlagen werden soll, dann gilt es
zuerst die bildungsfähige und bildungswillige Schicht zu
gewinnen, die heute schon zum Kulturträger taugt. Der
Kampf für das Schöne und Gute ist immer von Minder-

heiten gekämpft worden und führt bestenfalls zu einem
labilen Gleichgewicht, das bei erster Gelegenheit um-
schlägt, wenn die Masseninstinkte mobil werden. Diese
streitbare Minderheit für eine Kunst neuzeitlicher Fort-
entwicklung zu gewinnen, nicht durch aufdringliche
Lehrhaftigkeit, sondern durch verständnisvolle Anregung,
ist eine durchaus dankbare und aussichtsreiche Aufgabe
und wird um so besser gelingen, je' mehr man dabei auf
starre Dogmen und Gewalttätigkeiten verzichtet und
psychologische Selbstverständlichkeiten beachtet. Eine
wirksame Schundbekämpfung in Beispiel und Gegen-
beispiel muß damit Hand in Hand gehen. Auch bei
dieser dringenden Aufgabe wird den Kunstgewerbe-
vereinen ihre enge Berührung mit allen Bevölkerungs-
kreisen sehr zu statten kommen. Die Heranziehung
eines solchen beispielgebenden Kreises wird nicht um-
wachsendes Verständnis und damit Nachfrage nach gutem
Kunstgewerbe wecken, also mittelbar wieder der För-
derung des Könnens dienen, sie ist auch die Vorbedin -
gung für eine Gesundung des Geschmackes, für Er-
neuerung des Formempfindens und schafft damit die
Plattform, ohne die eine Stilbildung nicht denkbar ist.

Das alles sind Umrisse, aber sie mögen zeigen, daß
die deutschen Kunstgewerbevereine genug dringende
Aufgaben vorfinden, in denen sich ihre ursprünglichen
Ziele mit den Forderungen der heutigen Zeit treffen,
Aufgaben, die nur durch die Kunstgewerbevereine gelöst
werden können. Im Einzelnen wird es einer Reihe
weiterer Aufsätze vorbehalten sein, auf diese Dinge
zurückzukommen. Das kann aber heute schon gesagt
werden, daß die deutschen Kunstgewerbevereine, deren
Belange wir hier behandeln, entschlossen sind, nicht im
Widerstreit um die Wahl der Mittel, sondern Schulter
an Schulter mit allen, denen es ernst ist um die Förderung
guter Arbeit, diese Aufgaben der bestmöglichen Lösung
entgegenzuführen. Paul Danzer.

Der funktionelle Stil

Der funktionelle Stil ist der formale Ausdruck für die
Aufgabe des Objekts, mit anderen Worten: eine Werk-
form bis hinauf zur Architektur soll nicht nur zweck-
mäßig, gebrauchsfähig, technisch gerecht gestaltet sein,
sondern sie soll Zweck, Bestimmung, also Aufgabe aus-
drücken. Dieser Gedanke wurzelt offenbar — obgleich
er historischen Zeiten nicht fremd war — in der engen
Anlehnung an den Maschinenbau, seit dieser seine un-
sinnigen ornamentalen Umkleidungen verworfen hat und
seine funktionelle Form in klarer Weise herausstellt.

Zweifellos liegt in diesen Ideen viel Gesundes; denn
ein Bahnhof ist kein römisches Bad, eine elektrische Ver-
teilungsstation kein Landhaus und eine Fabrik keine
Ritterburg. Dieser neue Stil bekämpft also mit Recht
alle Überbleibsel der werkromantischen Zeit in der
Formenentwicklung. Ställe, Kraftstationen, Wasser-
schlösser, Funktürme, Flugzeughallen und derartige
Aufgaben, kurz alles, was heute die Technik verlangt
zu lösen und zu verwirklichen, liegt im Bereich dieser
stilistischen Gestaltung. Was hier aber berechtigt und
wünschenswert erscheint, verliert seine günstige Bewer-
tung in dem Augenblick, in dem die durch bloße Sach-
lichkeit gezogenen Grenzen überschritten werden. Es
gibt eben viele Dinge, deren Erscheinung über das Nur-
sachliche hinausgeht.

Zur Illustration betrachte man einmal eine in obigem
Sinne durchgeführte Villa: Kahle Mauern mit einge-
schnittenen, in nichts und durch nichts gegliederten
Fenstern und Türen. Auch im Innern grinst die sach-

nd das Kunstgewerbe.

lichste Ärmlichkeit! Oder wie sah der bequeme Liege-
stuhl des Bauhauses in der Ausstellung „Die Form" aus?
Viele hielten ihn wegen seiner zahlreichen Stützen und
Bänder für einen orthopädischen Apparat! Vor einiger
Zeit wurden wir mit einer gläsernen Kaffeemaschine be-
schenkt, die konstruktiv ganz interessant ist und guten
Kaffee braut, aber einem komplizierten Mechanismus
von Reagenzgläsern verdammt ähnlich sieht. Solchen
wenigen Beispielen wären hunderte von anderen aus
vielen wichtigen Gebieten der Zivilisation anzufügen, bei
denen die sachlich-technische Konstruktion ebensowenig
genügt und nichts anderes als eine kulturelle Verarmung
bedeutet.

Wirtschaftlich betrachtet ergibt sich ohne weiteres
die Tatsache, daß solche nur funktionell eingestellte
Lösungen durch jeden klugen Menschen erdacht und
durch geschickte Techniker in die Ausführungsorgani-
sation übergeführt werden können. Entscheidend für
den Absatz bleibt letzten Endes die Billigkeit. Diese
wiederum wird erreicht durch die rationellste Herstel-
lungsweise und die billigste Möglichkeit der Material-
erzeugung bezw. des Werkstoffkaufes selbst. Bandarbeit
und billiger Rohstoffbezug wird aber ganz wo anders
angetroffen als in Deutschland. Deutschland würde also
nach kurzer Zeit als Produktionsland ausscheiden und
von der ausländischen Einfuhr erdrückt werden.

Welches Bild ergäbe sich nun, wollte man das funk-
tionelle System ohne weiteres auf das Kunstgewerbe
übertragen ? Die Möglichkeit der Übertragung ist in
 
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