Pan <Berlin> — 1.1895-96 (Heft III, IV und V)

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BLINDENKLAGE

Wenn ich dich frage, dem das Leben blüht,

O sag mir, sage, wie das Mohnfeld glüht!

Das rote Mohnfeld, wie es jauchzt und lacht . . .

Tot ist mein Pfad und ewig meine Nacht.

Wohl manch ein Unglück schlägt den Menschen schwer,

Wer soviel trägt, kennt keinen Jammer mehr.

Die sonnenhellen Fluren wankt er blind

Und tappt nach Spuren, die verschüttet sind.

Ich träume Sonnen, strecke weit die Hand,

Ich möchte greifen durch die dunkle Wand,

Ich möchte fassen durch der Schatten Schicht

In roten Mohn und strahlengold'nes Licht.

Aus alten Zeiten lockt ein Schimmer nach,

Im toten Auge blieb die Sehnsucht wach,

Und wissend von der Herrlichkeit des Lichts,

So ganz enterbt, geh' ich durch Nacht und Nichts.

Ich weiss von Gott und seinen dunklen Wegen,

Tot ist mein Fluch, und tot ist auch mein Segen.

Karl Henckell

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