Schliemann, Heinrich; Schliemann, Sophia [Editor]
Heinrich Schliemann's Selbstbiographie — Leipzig, 1892

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Sagen von Ankershagen. 3

der Herzog von Mecklenburg manchem Kaufmann, der an seinem
Schlosse vorbeiziehen musste, durch einen Geleitsbrief gegen seine
Vergewaltigungen schützte, und um dafür an dem Herzog Bache
nehmen zu können, lud er ihn einst mit heuchlerischer Demuth
auf sein Schloss zu Gaste. Der Herzog nahm die Einladung an
und machte sich an dem bestimmten Tage mit einem grossen Ge-
folge auf den Weg. Des Ritters Kuhhirte jedoch, der von seines
Herrn Absicht, den Gast zu ermorden, Kunde erlangt hatte, ver-
barg sich in dem Gebüsch am Wege, erwartete hier hinter einem,
etwa eine viertel Meile von unserm Hause gelegenen Hügel, den
Herzog und verrieth demselben Henning's verbrecherischen Plan.
Der Herzog kehrte augenblicklich um. Von diesem Ereigniss
sollte der Hügel seinen jetzigen Namen «der Wartensberg» er-
halten haben. Als aber der Bitter entdeckte, dass der Kuhhirte
seine Pläne durchkreuzt hatte, liess er den Mann bei lebendigem
Leibe langsam in einer grossen eisernen Pfanne braten, und gab
dem Unglücklichen, erzählt die Sage weiter, als er in Todes-,,
quälen sich wand, noch einen letzten grausamen Stoss mit dem
linken Fusse. Bald danach kam der Herzog mit einem Regi-
ment Soldaten, belagerte und stürmte das Schloss, und als Bitter
Henning sah, dass an kein Entkommen mehr für ihn zu denken
sei, packte er alle seine Schätze in einen grossen Kasten und
vergrub denselben dicht neben dem runden Thurme in seinem
Garten, dessen Buinen heute noch zu sehen sind. Dann gab er
sich selbst den Tod. Eine lange Beihe flacher Steine auf unserm
Kirchhofe sollte des Missethäters Grab bezeichnen, aus dem Jahr-
hunderte lang sein linkes, mit einem schwarzen Seidenstrumpfe
bekleidetes Bein immer wieder herausgewachsen war. Sowol der
Küster Prange als auch der Todtengräber Wöllert beschworen
hoch und theuer, dass sie als Knaben selbst das Bein abge-
schnitten und mit dem Knochen Birnen von den Bäumen abge-
schlagen hätten, dass aber im Anfange dieses Jahrhunderts das
Bein plötzlich zu wachsen aufgehört habe. Natürlich glaubte
ich auch all dies in kindlicher Einfalt, ja bat sogar oft genug
meinen Vater, dass er das Grab selber öffnen oder auch mir

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