Schliemann, Heinrich; Schliemann, Sophia [Editor]
Heinrich Schliemann's Selbstbiographie — Leipzig, 1892

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88 VII. Letzte Lebensjahre. 1885—1890.

pfingen. Im Mosaik des Treppenflurs war Geschmeide von My-
kenae nachgebildet. Von den Wänden des säulengetragenen
Treppenhauses strahlten in grossen goldenen Lettern homerische
Verse entgegen. Die Zimmer des Hausherrn, Arbeitszimmer und
Bibliotheksaal lagen im obersten Stockwerk; von den vorgelegten
Loggien aus fiel der Blick auf die Akropolis von Athen, welche
die dahinter untergehende Sonne purpurn und goldig umsäumte.
Dort fand man den Herrn in lebhafter Geschäftigkeit, sei es in
dem zu neuen Ausgrabungen vorbereitenden Briefwechsel begriffen,
sei es in der Verwaltung seines Vermögens thätig, sei es einen
altgriechischen Schriftsteller oder einen neuen, der sich in alt-
griechisches Gewand bequemt hatte, lesend. Den Gelehrten, der
hier eintrat, redete er in der ihm liebsten Sprache an, einem
Griechisch, das er sich aus homerischen und andern altgriechi-
schen Bestandtheilen zurecht gemacht; es ist für die ruhelose
Selbständigkeit des Mannes bezeichnend, dass, nachdem er nun
Griechenland zu seinem ständigen Aufenthalte erwählt, er nicht
so sehr die heutige griechische Sprache annahm, sondern viel-
mehr ein besonderes Idiom pflegte, welches sich ihm aus seinem
eigenthümlichen zähen Studium der homerischen Welt gebildet
hatte. Wer sich auf diese Conversation nicht einlassen konnte,
für den verfügte Schliemann je über die Sprache seines Vater-
landes. Gastfreiheit, das war die alte griechische Tugend, welche
Schliemann aus seinem Homer neu geschöpft hatte, und Frau
Sophie, die Griechin, stand ihm darin zur Seite. Ihre Erinnerun-
gen, ihre Ideale waren eins; wenn er aus dem reichen Schatze
seines Gedächtnisses die Verse Homer's mit verzücktem Pathos
recitirte, so wusste sie fortzusetzen, wo er aufhörte.

Das Verweilen in dem trauten Kreise der Seinigen zu Athen,
der aus seiner Frau und seinen beiden Kindern Andromache und
Agamemnon bestand, war aber für den rastlos Planenden nur je
eine vielleicht in den letzten Jahren etwas weiter ausgedehnte
Pause, in welcher er begonnene Arbeiten abschloss und neue
vorbereitete. Der Sommer führte ihn meist zu seinen Freunden
nach „Europa", wie man von Athen aus sagt, und zu seinen
Häusern, deren er zu Paris und Berlin besass. Die Verwaltung
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