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Theodor, Kurt
Kunst als Anschauungssynthese: zur Struktur und Funktion des ästhetischen Gegenstandes — Studien zur deutschen Kunstgeschichte, Heft 334: Baden-Baden [u.a.]: Heitz, 1962

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https://doi.org/10.11588/diglit.50949#0107
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DIE QUALITÄT IM KUNSTWERK

Ästhetische Grundwerte
Wer daran geht, über ästhetische Werte zu sprechen, muß zunächst darüber Klarheit schaf-
fen, ob er solchen Werten nur empirische und relative Geltung zuschreibt, oder wie weit
er an "absolute" Werte glaubt. Der Verfasser dieser Arbeit ist der Überzeugung, daß es sich
in der Ästhetik um absolute Werte handelt, die nicht vom Individuum oder durch historische
Umstände bestimmt werden; daß ihr Maß nicht der Mensch, zum mindesten nicht der ein-
zelne Mensch oder eine Gruppe ist, sondern daß umgekehrt der Mensch an den Werten ge-
messen wird. Die ästhetischen Werte scheinen uns nicht auf die Befriedigung empirischer
Bedürfnisse zurückzugehen, sondern auf die grundlegenden Notwendigkeiten des Menschen.
Dabei wollen wir in der Schwebe lassen, ob der Mensch die konstituierenden Werte seines
Weltbildes aus sich hervorbringt, oder ob ihnen eine metaphysische Wahrheit entspricht;
sicher ist, daß die ästhetischen Werte zu denen gehören, die das Dasein im Geist begründen,
ihm Sinn und Festigkeit verleihen. Das Reich der ästhetischen Werte grenzt sich dabei von
den übrigen Wertgebieten durch das besondere Verhältnis ab, in das hier das Subjekt zur
Außenwelt tritt. Im praktischen Leben steht das Subjekt im Gegensatz zur Welt; es besteht
eine Kluft (die Voraussetzung unseres Handelns oder Erleidens ist) zwischen beiden. Die
wissenschaftliche Erkenntnis ist bestrebt, das Subjektive ganz zu eleminieren und sieht in
ihm bloß eine Funktion des objektiven Seins. Im religiösen Erlebnis tritt das Ich in den Stand
der Demut vor einem Anderen, das sich in der Gesamtheit der Welt oder jenseits der Schöp-
fung manifestiert. In der mystischen Ekstase wird der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt
für eine Zeitspanne ganz aufgehoben. Auf ästhetischem Gebiet kommt es nun zu einer Kom-
munikation zwischen Subjekt und Objekt, ohne daß die Scheidung ganz aufgehoben wird.
Alle äußeren Eindrücke werden aus unserer seelischen Erfahrung verstanden und umgekehrt
spiegeln sich alle seelischen Vorgänge in objektiven Gegebenheiten. Dieses Begreifen der
Welt im Erlebnis kann sich auf irdischer Ebene abspielen, es eignet ihm aber stets ein sym-
bolischer Wert, und sein Schwerpunkt kann sich immer mehr ins Metaphysische verlagern.
Mit der prinzipiellen Bedeutung des ästhetischen Wertes ist nun noch nichts darüber gesagt,
ob es für die Auffassung eines bestimmten Kunstwerks verpflichtende Maßstäbe gibt. Es
könnte ja auch jeder nach seiner persönlichen Einstellung oder nach irgendeiner ästhetischen
Konvention beliebig auf äußere Gegebenheiten reagieren. Zweifellos hat dieses Verhalten
seine Berechtigung. Jeder sieht die Natur anders, und nicht nur Künstlern wird sie zum Anlaß
ästhetischen Erlebens, das seinen letzten Ursprung in der eigenen Brust hat. Aber gerade das
ist dem gestalteten Kunstwerk gegenüber anders. Der ästhetische Wert eines Kunstwerks hat
Forderungscharakter. Wir glauben nachgewiesen zu haben, wie dies möglich ist: daß die
Gestaltung des Kunstwerks sich auf Funktionen stützt, die allen Menschen gemeinsam sind,
ähnlich wie die Gesetze des Denkens, so daß die verschiedenen persönlichen Erfahrungen
und Verfassungen einem notwendigen Verhalten dienstbar gemacht werden. Dem scheint
das Wirrwarr und die Unsicherheit der praktischen Urteile zu widersprechen. Aber können
wir nicht an eine letzte Wahrheit glauben, trotz der unzähligen und nicht endenden Irrtümer,
denen wir unterworfen sind; Bei der Wahrheit liegt die Erklärung einmal in der Unzuläng-
lichkeit des menschlichen Denkens, außerdem aber daran, daß die Wahrheit an sich mehr-
deutig und widerspruchsvoll ist und daher immer nur an einem Zipfel gefaßt werden kann.
Und ähnlich steht es mit dem Kunstwert. Zu den zahllosen Fehlurteilen, die sich aus un-
zulänglichem Kunstverständnis ergeben, kommt eine gewisse Inkommensurabilität der Kunst-
werte. Obwohl seinem inneren Wesen nach einheitlich, bietet der ästhetische Wert in seiner
 
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