Cranach, Lucas ; Cranach, Lucas ; Thulin, Oskar [Editor]
Cranach-Altäre der Reformation — Berlin, 1955

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oder verdammt zu werden. Die Hände zum Gebet oder in Freude erhoben, den Blick zum
thronenden Christus gerichtet, so zeichnen sich auf der einen Seite die Leiber der Seligen ab,
aus der Erde heraus, aus der sie genommen und zu der sie wieder geworden waren. Aber es
sind verklärte Leiber, man sieht die Erdoberfläche noch durch sie hindurch. Was am Men-
schen einst Ich, Person war, verantwortlich und unvertretbar bei Gott, das ist hier gemeint,
zu neuer Existenz von Gott gerufen.

Auf der anderen Bildhälfte ist die Erdoberfläche dunkel, rote Flammen züngeln daraus hervor
und um die Menschen herum, deren Gebärden von erschrockenem Erstaunen über verspätete
Reue bis zu verzweifelten Klagerufen laut und vernehmlich künden. Alle Lebensalter bei
Männern und Frauen sind hier vertreten, auch die Stände, so ein Patriziergesicht und ein
Mönch als Vertreter des geistlichen Standes. »Der Mensch siehet, was vor Augen ist, Gott aber
sieht das Herz an.«

Schon vom 16. Jahrhundert an haben Wittenberger Studenten nicht nur »Tische und Wände«,
sondern sogar dieses Gerichtsbild benutzt, um ihre Namen darauf einzukratzen, eine Unsitte,
gegen die uns leider keine gedruckten Verbote der Universität erhalten sind wie gegen andere
Unsitten des nächtlichen Lärmens, des Führens von Bullenbeißerhunden usw. Die Studenten
in Wittenberg waren offensichtlich nicht besser als in anderen Universitäten. Man könnte
wegen der zahlreichen, auch ausländischen Namen dieses Bild fast zur Bestätigung und Er-
gänzung der Wittenberger Universitätsmatrikel benutzen.

Gewiß erschließen diese Altäre nicht schon von der Sphäre des »Schönen«, der Form her ihr
Geheimnis — welches große Werk damaliger Kunst täte dies wohl? In dieser Formensprache
steckt immer das verborgene Wort, der Sinn, die Sinndeutung und das Wort an uns, das unser
verworrenes Leben klären, deuten und heilen möchte. Nur müssen wir davor warten können
mit unserer schnellen Beurteilung; wir sollen erst einmal im Anschauen hinhören und uns
anreden lassen.

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