Cranach, Lucas ; Cranach, Lucas ; Thulin, Oskar [Editor]
Cranach-Altäre der Reformation — Berlin, 1955

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ALTAR DER STADTKIRCHE IN WEIMAR

Cranachs Epitaph

IE entscheidenden Begegnungen menschlicher Art in Cranachs Leben —
mit dem sächsischen Fürstenhause und mit Martin Luther, Cranachs Ver-
suche, den christlichen Glauben in reformatorischer Sicht volkstümlich
anschaulich zu machen, Cranachs Zusammenarbeit mit seinem Sohn in
untrennbarer Werkgemeinschaft, Cranachs große Porträtkunst und nicht
zuletzt seine nie erlahmende künstlerische Schaffenskraft und Eigenart —
alles dies findet auf dem Weimarer Altar und besonders dem Mittelbild eine monumentale
Zusammenfassung. Das Leben des älteren Cranach findet den krönenden Abschluß mit seinem
letzten großen Werk. Der jüngere Cranach beginnt seine Schaffensperiode als nunmehr all-
einiger Meister der weltberühmten Werkstatt mit dieser Vollendung des väterlichen Vermächt-
nisses. Der Altar wird zum Epitaph und Glaubenszeugnis nicht nur für den kurfürstlichen
Bekenner, sondern für Cranach selbst. Nach der Seite der künstlerischen Gestaltung »darf
man sagen, daß der Weimarer Altar das beste Malwerk aus dem 16. Jahrhundert in Deutsch-
land nach Dürer ist, das großartigste seiner Zeit, Abschluß einer denkwürdigen Epoche deut-
scher Kunst« (Ludwig Justi). - Wenn irgendein Werk Cranachs, so erschließt dieser Altar
(64-69) seine volle Tiefe erst dann, wenn wir ihn im Zusammenhang mit seiner Lebenshaltung,
mit den letzten Lebensschicksalen des Mannes im biblischen Alter sehen. - Das Jahr 1547
brachte den entscheidenden Schlag Kaiser Karls V. gegen die evangelische Sache. Jetzt endlich
war er von außenpolitischen kriegerischen Unternehmungen gegen Frankreich im Westen und
Süden und gegen dieTürkei im Osten soweit frei, daß er sich entschließen konnte, mit Waffen-
gewalt gegen die evangelischen Stände vorzugehen. Ein Jahr nach Luthers Tod treffen bei
Mühlberg a. d. Elbe die kaiserlichen Truppen, meist Spanier, überraschend auf das im Marsch
auf die Festung Wittenberg lang auseinandergezogene Heer des Kurfürsten Johann Friedrich.
Die Ausnutzung dieser Überraschung und die fünffache Übermacht führen zum entscheiden-
den Sieg. Johann Friedrich wird nach tapferer Gegenwehr gefangengenommen, zum Tode
verurteilt, aber begnadigt und bleibt fünf Jahre in kaiserlicher Haft. Wittenberg öffnet auf

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