Cranach, Lucas ; Cranach, Lucas ; Thulin, Oskar [Editor]
Cranach-Altäre der Reformation — Berlin, 1955

Page: 126
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/thulin1955/0142
License: Wahrnehmung der Rechte durch die VG WORT (VGG § 51, 52) Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
WERDEN UND WANDEL EINES BILDMOTIVS

Der Mensch in der Entscheidung vor Gott: Sündenfall - Erlösung; Gesetz - Evangelium

aj Die drei Grundformen

JF dem Schneeberger und dem Weimarer Altar begegnete uns die alle-
gorische Darstellung des Menschen vor Gott, zwischen Sündenfall und
Erlösung. Es ist das in zahlreichen Varianten überlieferte dogmatische
Cranachmotiv, dem wir 1529 zum erstenmal begegnen in einer Gruppe
von Gemälden, in zwei Grundtypen, deren eine in der Erstform in Gotha
(161) erhalten ist, die andere in Prag (162). Der Schneeberger Altar ent-
spricht der Gothaer Anordnung. Der Weimarer Altar stellt demgegenüber eine dritte Formung
dieses Motives dar. — Wenn ein Cranachsches dogmatisches Gemälde in Zusammenarbeit mit
Luther und den anderen Wittenberger Theologen entstanden ist, so gewiß dieses, das in volks-
tümlicher Weise das reformatorische Menschenbild und die reformatorische Sicht der Bibel dar-
zustellen sucht. Das Jahr 1529 liegt in den Jahren des bewußten kirchlichen Aufbaues nach den
nach links und rechts klärenden Entscheidungen des Jahres 1524/25. Der Grundcharakter der
Reformation Luthers zeichnete sich klarer ab von ähnlichen gleichzeitigen Reformbewegun-
gen, die ihre Impulse und Programmpunkte zum Teil weithin von Luthers Reformruf er-
halten hatten: die nationale, antirömische Romantik des Rittertums, die Sozialrevolution der
Bauern, die relative Kritik der Elumanisten (des Erasmus vor allem), die linke Front des
»Geistchristentums«. Durch seine Heirat hatte Luther auch noch Anlaß zu ganz persönlichen
Angriffen und Mißdeutungen seiner Motive gegeben. Nun folgen die verschiedenen Schritte
zum Aufbau einer romfreien, evangelischen Kirche: deutsche Gottesdienstordnung, Beginn
einer Kirchenordnung, der große und kleine Katechismus und schließlich, von Melanchthon
geschaffen, das sogenannte Augsburgische Bekenntnis. Auch die beiden politischen Fronten
bildeten sich in Vorahnung kommender Waffenentscheidungen damals in den verschiedenen
Bündnisverhandlungen.

In diesem Zusammenhang der Klärung und Formulierung der Glaubensgrundlagen ist auch
der Versuch zu sehen, in künstlerischer Form und volkstümlicher Verständlichkeit die neue
Glaubenshaltung anschaulich zu machen. Hatte Luther in seinen 1522 gegen die Bilderstürmer

126
loading ...