Cranach, Lucas ; Cranach, Lucas ; Thulin, Oskar [Hrsg.]
Cranach-Altäre der Reformation — Berlin, 1955

Seite: 155
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MAGISTER GUNDERAMS BERICHT
ÜBERLUCAS CRANACH DEN ÄLTEREN

Fund im Turmknopf der Wittenberger Stadtkirche

LS im Jahre 1556 nach Christi Geburt, im Monat September, bei Her-
stellung der Turmspitzen, während dieses Sommers, die kupfernen Knöpfe
aufgesetzt wurden, wollte ich, Matthias, auf wohlgemeinten Rat einiger
angesehener Bürger und aus eigenem Antrieb, das Andenken des besten
und rechtschaffensten Mannes, Lucas Cranach des Älteren, Bürgers und
Bürgermeisters zu Wittenberg, seligen Gedächtnisses, welcher in dieser
Stadt Wittenberg viele Jahre in Ehren lebte, denen überliefern, welche nach Gottes Willen
unsere Nachkommen sein werden. Da es nun angenehm und nützlich ist, den Nachkommen
das Andenken angesehener, um das Gemeinwohl verdienter Familien zu bewahren, so zweifle
ich nicht, daß gegenwärtige Nachrichten über diesen Mann ihnen erfreulich sein werden,
wenn sie dieses Pergament zu Gesicht bekommen. — Lucas Cranach der Ältere lebte in dieser
Stadt Wittenberg in Ehren 46 Jahre nacheinander. Da er sich durch Weisheit, Tugend und
Frömmigkeit auszeichnete, so wurde er daselbst zum Bürgermeister erwählt, welches Amt er
viele Jahre bekleidete und der ganzen Stadt mit seinem Rat und treuer Sorge zu Ruhm und
Nutzen war, sich um dieselbe hochverdient machte. Er ist aber im Jahre Christi 1472 in der
fränkischen Stadt Kronach, in der Diöcese Bamberg, geboren und erlernte die Kunst (artem
graphicam) bei seinem Vater. Als er sich darin besonderen Ruhm erworben hatte, sich vor an-
dern auszeichnete, wurde er im Jahre 1504 nach dem bayrischen Krieg nach Sachsen zu dem
Herzog Friedrich, Kurfürst zu Sachsen, berufen, bei welchem er fortwährend blieb und an dem
er einen sehr gnädigen Fürsten hatte. Nach demTode desselben blieb Lucas bei dem Herzog
Johannes, Kurfürst von Sachsen, dem er besonders werth war. Als auch dieser starb, überhäufte
ihn der Kurfürst Johann Friedrich mit dem größten Wohlwollen. Da Lucas besondere Kennt-
niß von früheren Angelegenheiten und Begebenheiten hatte und Interessantes von dem Oheim
und Vater dieses Fürsten zu erzählen wußte, so wurde er von dem Kurfürst Johann Friedrich
unter die von ihm besonders geschätzten Männer gezählt. Von Dr. Luther war er sein ganzes
Leben hindurch geliebt und mit ihm durch Bande inniger Freundschaft und Gevatterschaft

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