Walden, Nell [Editor]; Walden, Herwarth [Ill.]
Der Sturm: ein Erinnerungsbuch an Herwarth Walden und die Künstler aus dem Sturmkreis — Baden-Baden, 1954

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Hamburg, im Frühling 1950

LIEBE NELL!

Du hast recht. Es darf nicht sein, daß die Nachwelt nichts von Herwarth Waldens Werk
für die Kunstwende unserer Gegenwart weiß. Schon die Mitwelt hat wenig davon
gewußt, und soweit sie davon wußte, hat sie das Wissen um Herwarth Waldens
Erkenntnis und Mut meist verleugnet. Nun ist es Zeit, die historische Wahrheit und die
menschliche Gerechtigkeit zu wahren. Und es entspricht Deiner Güte, Deinem Wissen
und Deiner Tatkraft, daß Du es bist, die dies tut. Du krönst mit diesem Tun die Jahre
Deines Lebens, die Du dem STURM geschenkt hast.

Kaum vorstellbar ist es mir, daß seit unserer gemeinsamen STURM-Zeit fast ein
MenschenaJter vergangen ist. Ist diese Zeit Vergangenheit? Nein! Sie ist Gegenwart.
Denn die Kunst, die wir lieben, ist immer Gegenwart. Und immer gegenwärtig im
Geiste, unverlierbar dem Herzen, sind uns die Freunde, deren Werke die Kunstwende
bezeugen. Viele der Freunde sind nicht mehr auf dieser Erde. Auch Herwarth Walden
werden wir niemals wiedersehen.

Unsere Erinnerung ist mehr als Erinnerung. Sie ist Dank. Dank für das Leben und
Dank für die Kunst. Wenig wäre der Mensch, wenn er nicht Dank sagen dürfte.

Darf auch ich Dich bitten, Dir, liebe Nell, in dieser Stunde das Wort des Dankes zu
sagen kn Namen von uns STURM-Künstlern und STURM-Dichtern allen, auch im
Namen meines allzu ferncn Freundes Herwarth, für Dein liebes Menschenwesen, Nell,
für Deine Bilder und Deine Gedichte, für alles, was Du im STURM gewesen bist, der
durch Dich das Beste empfing: die Heimat über den Sternen.

Dein Lothar

AUGUST MACKE, LINOLEUMSCHNITT (1912)

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