Walden, Nell [Editor]; Walden, Herwarth [Ill.]
Der Sturm: ein Erinnerungsbuch an Herwarth Walden und die Künstler aus dem Sturmkreis — Baden-Baden, 1954

Page: 160
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Otto Nebel

RUDOLF BLÜMNER
Eine Würdigung

Es ist nicht Aufgabe dieser Schrift, Rudolf Blümners Leben und Wirken gesamthafl oder
gar erschöpfend darzustellen. Als Mensch, als Freund, als Kämpfer, als Schriftsteller,
als Bühnenkünstler und Spielleiter, als Denker und als Dichter, als Meister der Sprech-
kunst und als Lehrender auf vielen Gebieten der Gestaltung hat er seine einzigartige
Eigenbedeutung und seine reiche Begabung so vielfältig bezeugt, daß allein eine ent-
sprediend umfassend wertende Lebenssdiilderung dem Manne und seinem Werke volle
Gerechtigkeit widerfahren lassen könnte. Eine solche ausführliche Lebensbeschreibung
müßte zudem begleitet sein von einer lückenlosen Liste seiner zahlreidien Schriften und
seiner Übersetzungen oder Bearbeitungen von Bühnenstücken, und sie müßte ebenso die
Rufnamen seiner eigenen Bühnenspiele enthalten.

Der vorliegende Würdigungswortlaut mußte sich dagegen damit begnügen, Rudolf
Blümners innerste Neigungen, die seinem Dasein die Richtung gaben, zu schildern. Die
wenigen, für ein tieferes Verstehen notwendigen Angaben über das Erdenleben des
Heimgegangenen folgen hier in schlichter Voranstellung. Rudolf Blümner, geboren
am 19. August 1873, war einer der Söhne eines in Zürich rühmlich bekannten Gelehrten,
des Altertumsforschers Blümner, und die Bindungen an die Schweiz sind im Leben
unseres Freundes stets sehr enge geblieben, da er einen Teil seiner Jugend in der Limmat-
stadt und ihrer Umgebung verbracht hatte. Er, als weltoffener Europäer, liebte die freie
Heimat der Eidgenossen aus tausend Gründen. Und er spradi außer einem vollkommen
reinen Hodideutsch, das bei Bühnenangehörigen deutscher Herkunft nicht selten ist,
ein völlig ortsechtes Züridütsdi, wo immer er mit Schweizern zusammenkam. Seine
Laufbahn begann er als Rechtsbeflissener, nachdem er den Ehrenhut und die ent-
sprechende Hochschulwürde eines Lehrers der Rechte erworben hatte. Sein durch-
dringender Verstand, sein feiner Gerechtigkeitssinn und eine früh hervortretende
Neigung zu sprachiicher Klarheit befähigten ihn in hervorragender Weise dazu, sich
späterhin, als er seine ganze Kraft in den Dienst der Künste gestellt hatte, als
kämpferischer Anwalt und Verfechter geistiger Wertbelange zu bewähren.

Mit seiner entschiedenen Hinwendung zur Bühne, zum Schauspielerberufe und haupt-
sächlich zur freien Vortragskunst kamen wohl die allermeisten von den innersten
Neigungen seines beweglichen und formvollen Wesens in schicksalbestimmender Art
und Stärke unmittelbar zum Durchbruche. Und obgleich sich der Künstler bis kurz vor
seinem Ableben gezwungen sah, für das Schauspiel als Dichter und Schriflsteller, ja
gelegentlich auf Bühnen oder für die Lichtspielleinwand als Darsteller und Spielleiter
zu arbeiten, so wäre es gleichwohl durchaus unriditig und irreführend, in ihm etwa gar
einen von jenen erfolgsuchenden Vordergrunds-Mimen zu erblicken. Rudolf Blümner war
ein geistiges Wesen und ein vornehmer Mensch. Dank seiner Herkunft, seiner Erziehung
und Gesittung, sowie aus innerer Sauberkeit blieb er zeitlebens gefeit wider falsches
Wollen, albernen Ehrgeiz und niederes Traditen. Er war ein vorwiegend einfühlend-
hingebender, ein vernünftig unterscheidender, ruhig prüfender, wohlwollend-dienst-

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