Walden, Nell [Editor]; Walden, Herwarth [Ill.]
Der Sturm: ein Erinnerungsbuch an Herwarth Walden und die Künstler aus dem Sturmkreis — Baden-Baden, 1954

Page: 111
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Herwarth Walden

WEIT UND WEITER — WEITER

DER STURM, XIV. Jahrgang / XI. Heft / 1923

Der STURM treibt in das fünfzehnte Jahr. Viel hat er vertrieben, was ohne Wurzel
sich hoch über den Boden reckte. Viel hat er vernichtet, was sich Leben aus dem Sein
lieh, statt aus dem Schein. Denn das Sein der Sonne und der Kunst ist ihr Scheinen.
Von diesem Scheinen lebt das Sein. Der STURM braucht kein Interesse. Der STURM
hat keine Interessen. Was fällt, fällt. Was abfällt, fällt ab. Nicht ist der STURM
aufzurichten. Nur wer ihm standhält, steht im STURM.

Nicht was standhält, wird gesehen. Nur was fällt, wird wehleidig betrachtet. Gewesen.
Rührung weint in der Zeit. Kunst ist unmenschlich.

Aber die Kunstmenschen interessieren sich für die Zeit. Sie interessieren sich nicht für
das Geschaffene des STURM, sie interessieren sich für die Geschäfte des STURM. Und
krächzen: Abrechnung.

Die Abrechnung steht in den Büchern, die nicht die Welt bedeuten. Selbst diese Zahlen
werden zeugen, wenn auch die Zeugen nicht mehr zählen. Die Menschen, die Ränke
erfinden, statt Kunst zu finden, mögen diese Bücher ohne Interessen mit Interesse
prüfen. Die Verluste übersteigen selbst ihre Einbildungskraft an Gewinnen. Die Verluste
sind unser Gewinn.

Wir haben gewonnen, weil wir verlieren können.

Wir haben zu verlieren.

Denn wir sind im STURM, der über die Erde heult.

Uns ist die Schönheit im STURM.

Unser ist die Schönheit des STURMS.

Denn der STURM ist ohne die Wirklichkeit, die dem STURM verfällt.

Es gibt nidhts Komischeres als Feindschaft. Feindschaft ist Schwäche. Man wird böse.
Warum ist man nicht gut. Warum wird man nicht gut. Das Endziel der Kultur-
menschheit heißt: Abrechnung. Kultur heißt zählen können. Und rechnen. Die ganze
Jugend wird verrechnet und das Alter will von der Jugend leben. Die tiefste Verachtung
der Kulturmenschheit drückt sich in dem Satz aus, daß jemand nicht bis drei zählen
könne. Und Afrika habe x Prozent Analphabeten. Und die Prozente sind der Weisheit
letzter Schluß. Der Weisheit letzter Abschluß. Ubertrag zugunsten der Kultur.
Abrechnung für das Hundert. Wer das nicht kann, wer das nicht tut, der zählt nicht
mit. Wo zählt man nicht mit. Zahlen beweisen nicht alles. Zahlen beweisen nichts.
Zahlen beweisen nur Zahlen. Zahlen stehen auf Scheinen, die der Kulturmenschheit
das Sein sind. Der Feind, diese freundliche Bezeichnung, sucht stets nach Scheinen, das
heißt nach Quittungen über die Leistung anderer. Bald steht er rechts, bald steht er
links, der Feind. Feinde, die sich zusammenzählen, nennen sich gern Kämpfer für die
heiligsten Güter der Nation. Besser hieße es, für die Scheingüter einer anderen Nation.
Sowie etwas Güter wird, ist es nicht mehr gut. Denn das Gute ist unberechenbar.
Unzählbar. Ungezählt. Nur der Feind zählt seine Gegner. Der Freund hat nie seine
Feinde gezählt.

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