Walden, Nell [Editor]; Walden, Herwarth [Ill.]
Der Sturm: ein Erinnerungsbuch an Herwarth Walden und die Künstler aus dem Sturmkreis — Baden-Baden, 1954

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Herwarth Walclen

NACHRUF AUGUST STRAMM

DER STURM, VL Jahrgang, 1915, Nummer 11/12

Auf der ersten Seite dieser Nummer war folgende Todesnachricht über August Stramm
bekannt gegeben worden:

DER HAUPTMANN AUGUST STRAMM IST AM 2. SEPTEMBER
1N RUSSLAND GEFALLEN.

DER SOLDAT UND RITTER DER FÜHRER.

DU GROSSER KÜNSTLER UND LIEBSTER FREUND.

DU LEUCHTEST EWIG.

Berlin, am 16. September 1915

beim Eintreffen der Todesnachricht Herwarth Walden

DER STURM, VI. Jahrgang, 1915, Nummer 13/14, Oktoberheft
AUGUST STRAMM

Der Tod eines Menschen wcckt die Gehirne der Lebenden. Sie stehen am Grabe unserer
Hoffnung. Sie verdrängen uns mit guter Nachrcde. Sie gönnen dem Toten den Platz
unter der Erde. Denn er war keiner von ihnen auf der Erde. Sie suchten die Tatsachen
seines Werks und sie fanden die eine: Den Tod. Sie fanden sie in den Verlustlisten vom
Felde der Ehre, die Post bestätigte es auf jedem zurückkommenden Brief, die
Angehörigen bestätigten es in Tränen: Der Hauptmann August Stramm, Ritter des
Eisernen Kreuzes, eingegeben zum Eisernen Kreuz I. Klasse, Inhaber des öster-
rcichischen Militärverdienstkreuzes mit der Kriegsdekoration für hervorragende
Leistungen als Bataillonsführer in Galizien, Kaiserlicher Postinspektor im bürgerlichen
Beruf, Doktor der Philosophie, ist am 1. September als Kompanieführer und als Letzter
seiner Kompanie beim Sturmangriff gefallen, nachdem er siebzig Gefechte und Stürmc
überlebt hatte. Am nächsten Morgen wurde er unter militärischen Ehren, geachtet und
geliebt von allen Vorgesetzten und Kameraden, auf dem Friedhof von Horodec
begraben. Sein Leben währte einundvierzig Jahre. Geboren war er am 29. Juli 1874 zu
Münster in Westfalen. Er fiel, wie sie alle, ein stiller Held seiner Pflicht.

Und während er in Rußland sich zu Todc kämpfle, beschäftigte sich die deutsche Presse
unter Führung des Hannoverschen Kuriers unterstützt selbst vom Münsterischen
Anzeiger mit einem Dichter August Stramm. Aus zahllosen deutschen Zeitungen heulten
ihm die Journalisten zu, er möge vierzehn Tage in den Schützengraben gehen, das
würde ihn kurieren. Denn erst nach seinem Tode lernen sie die Tatsachen seines Lebens
kennen, und während die Herren den Krieg redigierten, hatte er sie mit all den andern
seit dem 2. August 1914 verteidigt. Ihm stand in Deutschland kein Verteidiger auf ...
Was hatte August Stramm getan. Er war Künstler und das können die Literaten, die
Literarhistoriker und die Feuilletonisten jeder Kunst nicht vertragen ...

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