Weinbrenner, Friedrich
Architektonisches Lehrbuch (Band 2): Perspectivische Zeichnungslehre — Tübingen, 1819

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PERSPECTIVISCHE ZEICHNUNGSLEHRE.

ALLGEMEINE ERKLÄRUNG, GESETZE UND LEHRSÄTZE

DER PERSPECTIV.

§. 1. Die perspectivische oder scenographische Zeichnungslehre ist die Wissenschaft und

Kunst, Gegenstände auf einer Oberfläche von einem Gesichtpunct aus zu zeichnen, das heisst, die

Gestalten der Gegenstände nach ihren verschiedenen Umrissen darzustellen, wie sich dieselben, von
einem bestimmten Punct aus gesehen, auf einer Fläche abbilden *).

§. i. Die Wissenschaft und Kunst, die von den Objecten ausgehenden und bis in unser Auge
kommenden Lichtstrahlen, bei jedem Gesichtpunct, in jeder beliebigen Grösse, auf eine vor oder hinter
den Objecten gesetzte Oberfläche aufzuzeichnen, heisst eine perspectivische reine Linienvorstellung
(Scenographie). Eine solche Vorstellung oder Bild muss alle Linien und Winkel der Objecte von
dem Auge aus decken, wenn die Gegenstände in wirklichem Maas und Gestalt mit der Zeichnungsfläche
gerichtet sind.

*) Zu Versinnlichung dieser Erklärung kann man sich die Zeichnungsfläche durchsichtig oder durchscheinend (Tabula
transparens~) denken, wie eine Glastafel, auf welcher sich die hinter derselben befindlichen Gegenstände nach dem
Stande des Gesichtpunctes abbilden. Sind hingegen die Gegenstände vor der Zeichnungsfläche abzubilden, so müssen
deren Umrisse, ausgehend von dem Augpunct, wie von einem Licht die Strahlen, bis auf die Zeichnungsfluche
excentrisch gedacht werden. In diesem Fall ist die Zeichnungsfläche als durchsichtig nicht zu denken.
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