Weinbrenner, Friedrich
Architektonisches Lehrbuch (Band 2): Perspectivische Zeichnungslehre — Tübingen, 1819

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ACHTES KAPITEL.

ÜEBER

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DIE PRACTISGH PERSPEGTIVISCHE AUFZEICHNUNG

SOGENANNTER ZERR- UND TiEUSCHBILDER.

Nach den vorhergehenden Aufgaben möchte nun ein Jeder, der dieselben gehörig einstudirt und ver-
standen hat, wohl alle mögliche perspectivische Prospecte und bildliche Erscheinungen auf alle Arten von
Flächen, aufzuzeichnen im Stande seyn, ob es gleichwohl vielfache Erscheinungen und Arten perspectiv
vischer Bilder gibt, so lassen sich doch alle nach den vorgetragenen Aufgaben auflösen.

Von den sonderbaren, oder sogenannten Zerrbildern, bei welchen gewöhnlich das Objekt vor der Bild-
fläche erscheint, und desshalb nur von einem Punkt aus das gehörige Objekt vorstellt, von andern Gesichtspunk-
ten aber ganz sonderbare Formen bildet, *) will ich nur eine Aufgabe zur Verständ igung der übrigen hier beif ügen.

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EILFTE AUFGABE.
Tab. XLIII. Das Zerrbild eines Tisches mit verschiedenen Objekten auf den Fussböden zu zeichnen, wo
dieselben von einem Gesichtspunkt aus gesehen, auf demselben zu stehen scheinen.

Auflösung.

Es sey S Fig. 1. Tab. XLIII. der Standpunkt, undS2 A die Höhe des Auges von dem Boden BB Fig. i. Man
zeichne nun den Tisch a b c d Fig. 1. da, wo er auf dem Boden stehen soll, im geometrischen Grund-,
und so auch im geometrischen Aufriss Fig. 2. a" a3 c1 c3, mit allen den Effecten 1, 2 , 3 , 4 > 5, 6, 7,
8,9, welche um und auf dem Tisch erscheinen sollen , ebenfalls im Grund - und Aufriss geometrisch
auf. Zieht man nun in dem Grundriss aus dem Punkt S des Tischblattes, auf die Ecken a b c d die
excentrischen Linien aa4 bb4 cc4 dd4 und| oben, wo die hintere Ecke von der vorderen gedeckt wird , ebenfalls
aus dem Augpunkt A excentrische Linien von den Ecken A a3 und A c3 bis auf den Boden , so darf man
da, wo die Ecken a3 und c3 auf dem Boden bei a4 und c4 auffallen, nur auf die untere im Grundriss gelegene

«) So sah ich z. B. zu meiner Zeit in Rom neben der Kirche auf Trinitale delMcnie, in dem daselbst befindlichen Kapuzinerklöster, wenn man
vornen in einen der langen Gänge trat, auf der Seite der Wand einen Eremiten sitzend mit einem Buche in der Haud, in welchem er las,
auf die Wand gemalt , und in dem Gange selbst zu sitzen schien, kam man aber vor das Bild , so war es — eine weit ausgedehnte
Speciallandkarte von dem ganzen Stiefel Italiens, in welcher alle die geistlichen Güter und Klöster, besonders die der Kapuziner, sehr
detailirt angegeben waren.
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