Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 37.1943

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Besprechungen

Arnold Schering: Das Symbol in der Musik. Koehler und Amelang,
Leipzig 1941.

In diesem Buche werden eine Anzahl von Aufsätzen des unlängst verstorbenen
Musikwissenschaftlers der Berliner Universität zusammengestellt, die alle, wenn
auch von verschiedenen Seiten, das Problem des symbolischen Gehalts der Musik
umkreisen. Der Titel ist noch vom Verfasser selbst bestimmt. Jeder der Essays
nähert sich dem Problem von einer andern Seite, alle aber sind sie ausgezeichnet
durch glänzende Beherrschung des historischen Stoffes und weite psychologisch-
philosophische Gesichtspunkte.

Der erste Aufsatz behandelt die Lehre von der musikalischen Findekunst (ars
inveniendi) und zeigt, in wie verschiedener und oft sonderbarer Weise die Musiker
versucht haben, die Quelle der musikalischen Phantasie zum Sprudeln zu bringen.
Der zweite Aufsatz sucht Bachs Verhalten zum Symbolbegriff zunächst an Hand
seiner vokalen Kanonarbeit zu erhellen. Dabei werden mehrere „Grade" der Sym-
bolik unterschieden: die Symbolik des Affektausdrucks, die Symbolik als Bildausdruck,
die Symbolik durch die vergeistigende Anwendung kompositorischer Mittel (des
Kanon, des Orgelpunkts usw.), die Symbolik durch Zitieren bekannter Melodien, alles
Symbolismen, die sich auch untereinander mannigfach verquicken. Neben die Sym-
bolik als umfassende Sinndeutung tritt dann die Metaphorik als Lehre von den
spezielleren „verblümten Ausdrückungen". Ergänzt werden diese, durch mannigfache
aufschlußreiche Beispiele erläuterten Einsichten durch Heranziehung der „Psycho-
logia empirica" Chr. Wolff's, wodurch ein wertvolles Hilfsmittel zur Durchleuchtung
barocken Musikdenkens gewonnen wird. — In dem Aufsatz „Die Erkenntnis des
Tonwerks" werden drei „Sphären" unterschieden: 1. diejenige, in der das Tonwerk in
der „unmittelbar klingenden Daseinsform" erlebt wird, die zweite, die sich z. B. mehr
an das gelesene Notenbild hält und von hier aus in die kompositorische Formenwelt
einzudringen sucht, die dritte, die das Tonwerk als Bestandteil größerer historisch
oder systematisch geordneter Reihen betrachtet. Diese drei Sphären der Erkenntnis
sind jedoch selten ganz getrennt, sondern greifen mannigfach ineinander.

Der Aufsatz „Musikalische Symbolkunde" sucht eine Vertiefung der musikali-
schen Bildung nach dieser Seite hin anzubahnen. Die Symbolkunde hat es mit den
Sinngehalten der Musik zu tun, mit dem, was hinter den Tönen als geistiger Kern
und Schöpfungsmotiv steht. Die Symbolkunde hat das Wissen von den Zusammen-
hängen zwischen Klangbild und Sinnbedeutung zu begründen und zu befördern. Der
letzte Aufsatz behandelt „Das Entstehen der instrumentalen Symbolwelt", wobei
nicht die vokale, sondern die instrumentale Musik als das eigentliche Feld der Sym-
bolik erscheint und vier „Sphären" unterschieden werden, in denen sich instrumentale
Äußerung bewegen kann.

Scherings Eintreten für den Sinngehalt der Musik gegenüber der lange Zeit
überbetonten formalistischen Betrachtung hat nicht nur innerhalb der Musikwissen-
schaft hohe Bedeutung. Die Symbolik wird sogar mit den Mitteln der neueren Aus-
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