Achelis, Hans
Die Katakomben von Neapel — Leipzig: Hiersemann, 1936

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BEILAGE 3. DER HEILIGE JANUARIUS

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venturos se esse dixerunt. E quibus Januarius, episco-
pus simul et martyr, Neapolitanae urbis illustrat
ecclesiam; Martinus“. . ? Die Anekdote ist leicht ver-
ständlich: die beiden größten Heiligen des Zeitalters,
Januarius und Martin von Tours (f 397), riefen den
sterbenden Bischof Paulinus in ihre Gemeinschaft.
Martin ist die neue Berühmtheit von Gallien, Januarius
wird ausdrücklich als der Heilige von Neapel be-
zeichnet. Der Reliquienfund des Bischofs Johannes I.
wirft sein Licht auf das Sterbelager des Paulinus
von Nola.
Im Anfang des sechsten Jahrhunderts hat das Mar-
tyrologium von Karthago die Gestalt erhalten, die wir
noch heute besitzen. Wenn dort am 19. September
die Notiz steht:
(XIII.) kal. oct. sancti Januarii martyris2,
so feierte die Kirche von Karthago den Heiligen von
Neapel, nicht den Bischof von Benevent, wie man aus
dem Datum ersehen kann. Denn der 19. September ist
der Januariustag in Neapel.
In Neapel aber wurde Januarius der Volksheilige.
Wir treffen im fünften Jahrhundert das erste Bild von
ihm in den Katakomben. Eine Frau, namens Nicatiola,
läßt ihn auf ihrem Familiengrab malen, zwischen ihrem
eigenen Porträt und dem ihrer Tochter. Januarius
trägt einen Kreuznimbus, wie er sonst nur Christus
zukommt3.
Der Episkopat von Neapel betrachtete den heiligen
Januarius als seinen Patron und Eideshelfer. In meh-
reren Handschriften des Eugippius ist eine alte
Subskription erhalten, welche der Autor ihrer Vorlage,
der spätere Bischof Redux von Neapel (seit 581) der
Handschrift zufügen ließ, um sie für alle Zeiten dem
bischöflichen Archiv seiner Heimatkirche zu erhalten.
Er beschwört die künftigen Bischöfe von Neapel mit
folgenden Worten: „Testes sitis etiam vos per confes-
sionem meritoque beati Januarii martyris, ut sub nullo
argumento, nulla alienatione, nulla commutatione de
archibo ecclesiae vel jure aliquo modo discedat, ne
cum praedicto pontifice Reduce in divino judicio
causas reddere videamini“4.
Zur selben Zeit hören wir mehrfach von neuen Bauten,
die in irgendeiner Weise ebenfalls der Verehrung des
heiligen Januarius dienten. Der Bischof Victor von
1 Uranius, De obitu s. Paulini ad Pacatum c. 3 (Migne S. L. 53,
861). 2 Lietzmann, Kleine Texte 2 S. 7. 3 Taf. 38.
4 Corp. script. eccles. lat. 9 (1885) Knöll p. XXVI. 5 Waitz
408, 36f. 6 Waitz 418, 40. 7 S. oben S. 29. 8 Vgl

Neapel (Ende des fünften Jahrhunderts) erbaute vor
S. Gennaro eine Basilika des heiligen Stephanus5. Der
Bischof Agnellus (Ende des siebenten Jahrhunderts)
weihte dem heiligen Januarius eine neuerbaute Kirche
in der Stadt, S. Januarii ad Ulmum genannt6, die er
mit einer Diakonie und einem Kloster verband.
Die Grabanlage S. Gennaro vor der Stadt erhielt eine
besondere Bedeutung in der Zeit der Bilderstreitig-
keiten. Damals wurde sie der Ausgangspunkt der
Restauration7, der Mittelpunkt des neuerweckten
Bilderkultes, und demgemäß die offizielle bischöfliche
Grabstätte.
Inzwischen aber war ein Ereignis vor sich gegangen,
so niederschmetternd für Neapel, daß kein Neapoli-
taner mit einem Worte davon zu reden wagt. Der
langobardische Herzog Sico von Benevent belagerte
i. J. 821 Neapel und entführte, als er die Stadt nicht
nehmen konnte, die Reliquien des heiligen Januarius
nach Benevent8. Im Jahre 836 wiederholte er seinen
Raubzug und brachte weitere Reliquien von Heiligen
in seine Residenz®. Die uralte Rivalität zwischen
Benevent und Neapel, die in dem Reliquienfund des
Bischofs Johannes ihren Grund hatte, kam darin zum
Ausdruck. Jetzt, nach vierhundert Jahren, holte man
sich gewaltsamerweise die Reliquien nach Benevent.
Januarius war schließlich doch Bischof von Benevent
gewesen.
Der Episkopat von Neapel beantwortete den Eingriff
der Beneventaner mit weitgehenden Schutzmaß-
nahmen. Da man die geraubten Reliquien vorläufig
nicht zurückerlangen konnte, suchte man wenigstens
den Rest zu schützen. Bischof Johannes IV. (etwa
§42-49) ließ die alten Bischofgräber in den Kata-
komben öffnen und transferierte die Überreste in die
städtischen Kirchen. Die meisten kamen in die Ste-
phania, die Kathedrale der Stadt; zwei in andre
Kirchen10.
Zu gleicher Zeit verlegte man den Kult des heiligen
Januarius in die Hauptkirche der Stadt, die Stephania.
Schon der Bischof Athanasius I. (849-72) erbaute eine
Kirche des heiligen Januarius innerhalb des bischöf-
lichen Palastes11. Es wird eine Kapelle gewesen sein;
und sie wird nur als Erneuerung einer alten bezeichnet.
Aber sie wurde aufs prächtigste ausgestattet12 und
Achelis, Bischofchronik 60. 9 Anonymus Salernitanus (Mon.
Germ. Scriptores Bd. 3 c. p. 499): „nam et corpora sanctorum
effodiens, eorum sacra misteria abstulit.“ 10 Achelis, Bischof-
chronik 63. 11 Achelis, Bischofchtonik 66. 12 Waitz 434, uff.
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