Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 26.1901

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EINE LOKALE GATTUNG BOIOTISCHER GEFÄSSE

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Die Vorstellung, dass die Psyche aus dem Munde des
Sterbenden in Vogelgestalt entweicht, ist so natürlich und
so weit über die Erde verbreitet, dass man sich darüber
wundern muss, dass bei den Griechen von dieser Vorstellung
so wenige Zeugnisse erhalten sind. Wir finden einen derartigen
Volksglauben bei den Germanen wie bei den Slaven, bei den
alten Ägyptern, bei den semitischen Völkern und in den christ-
lichen Heiligenlegenden. Indessen nach den Untersuchungen
von Weicker über die Sirenen1 darf man nicht mehr in Abrede
stellen, dass auch die Griechen sich die Psyche in der Gestalt
eines Vogels gedacht haben. Aber diese Anschauung ist schon
in den homerischen Gedichten unterdrückt worden : so wie
Homer die Götter anthropomorphisiert hat, so hat er es auch
mit der Psyche gethan. Doch können wir selbst bei Homer
Überbleibsel der alten Anschauung in einer ähnlichen Vor-
stellung finden. An verschiedenen Stellen des Epos werden
die Seelen zwar in Menschengestalt, aber zugleich wie Vögel
geflügelt und fliegend gedacht2, und im letzten Gesänge der
Odyssee (co 5 ff. vgl. Aristophanes aves 1562 ff.) werden die See-
len der Freier mit schwirrenden Fledermäusen verglichen.
Auf den Vasenbildern finden wir die homerische Anschauung
von den Seelen als geflügelten είδωλα wieder3. Wir sehen zu-
gleich, wie die Anthropomorphisierung dahin fortschreitet, dass
die Flügel wegfallen und die Seelen als winzige Kriegergestal-
ten dargestellt werden4. Aber die Psyche als Vogel nimmt

1 G. Weicker De sirenibus quaestiones selectae. Leipzig 1895. Ich möchte hier
ein für alle Mal auf diese treffliche .Dissertation hinweisen, ohne in jedem ein-
zelnen Falle auf die betreffenden Stellen in Weickers Arbeit aufmerksam zu
machen — um so mehr als ich meine Ansichten über die Psyche als Vogel im
griechischen Volksglauben schon ausgebildet hatte, ehe ich von Weickers Schrift
Kenntnis nahm.
2 Π 856, X 362, ψ 880. λ 2o8. 222.
3 Vgl. z. B. Monumenti dell’Inst. VIII Taf.V. Benndorf Griecli. tmd steil. Vasen-
bilder XIV. XXXIII. Journal of Hell. Sludies 1900 S. 101. Darstellungen der
Psychostasie : Monumenti dell’Inst. II Taf.XB, Baumeister Denkmäler II S. 921,
Roschers Lexikon II Ii42f.
4 Im ersten Vasensaal des Athenischen Nationalmuseums, Schrank 17 (Βοιωτία)
unter N° 433 befindet sich ein schwarzfiguriger Skyphos, auf dessen bildlichen
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ATHEN. MITTEILUNGEN XXVI.
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