Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 46.1921

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Wilhelm Dörpfeld

1920, 116) nebenbei für die Herakleion-These eingetreten, indem er
Frickenhaus’ Aufsatz als ‘schön und ergebnisreich’ bezeichnet.

Der öffentliche Umfall eines früheren Mitarbeiters, das Schweigen
der Fachgenossen und auch briefliche Mitteilungen einiger Freunde zeigen
mir, daß ich nicht länger schweigen darf, wenn ich nicht Gefahr laufen
will, daß mein Schweigen als Zustimmung aufgefaßt werde. Ich habe
mich deshalb entschlossen, hier nochmals das Wort zu nehmen und die
Gründe darzulegen, die mich berechtigen, die Herakleion-These für unhalt-
bar und gänzlich verfehlt zu erklären:

1. Da Frickenhaus die aufgefundene Kelter zum Ausgangspunkt
seiner Beweisführung genommen und damit zum Grundstein seiner neuen
Theorie gemacht hat, muß auch ich init ihr beginnen, obwohl meine
Beweisfiihrung für das Dionysion, wie meine obigen Darlegungen gezeigt
haben, auf einer ganz anderen Grundlage aufgebaut ist. Die Kelter bildet
bei mir nur einen der oberen Bausteine meines Gebäudes.

An die Spitze seiner Widerlegung meiner Gleichsetzung des ausge-
grabenen Bezirks mit dem Dionysion in den Sümpfen stellt Frickenhaus
den Satz, daß gerade die Kelter diese Deutung des Bezirks unmöglich
mache, und stützt diese kühne Behauptung auf dieselbe Nachricht des
Demosthenes (gegen Neära, 76), die mir stets als eine Hauptstütze meiner
entgegengesetzten Ansicht gedient hat. Ich und alle anderen Erklärer
sollen die Worte des attischen Redners falsch verstanden oder unrichtig
angewendet haben. Demosthenes berichte, so betont er, daß der Bezirk
des Dionysos in den Sümpfen das ganze Jahr hindurch geschlossen sei
und nur an einem einzigen Tage, dem 12. Anthesterion, geöffnet werde.
Da nun dieser Tag in das Ende unseres Februar falle, wo es keine Trauben
zu keltern gebe, so könne der gefundene Bezirk wegen seiner Kelter un-
möglich das Dionysion in den Sümpfen sein, weil er natürlich auch zur
Zeit der Traubenreife, also iin Herbst benutzt und daher auch geöffnet
gewesen sein müsse.

Ich kann mein Staunen darüber nicht verhehlen, daß mein Gegner
ohne jedes Bedenken diesen seltsamen angeblichen Beweis aufrecht-
erhalten und sogar zur Grundlage seiner neuen Theorie gemacht hat,
obwohl ich ihn vorher brieflich darauf hingewiesen habe, daß die Worte
des antiken Redners tiber die Unbetretbarkeit des Bezirks sich augen-
scheinlich und selbstverständlich nur auf das Volk, auf die Festgemeinde
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