Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 47.1922

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Der ölbaumgiebel

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schießen wie der, der die Darstellungen von Figuren oder Figurengruppen
auf archaischen Bildern durch die Momentphotographie erläutern wollte.
Aus der Sprache der archaischen Kunst heraus, nicht aus der unsern,
muß das Verständnis dieser Giebelreste und ihre Rekonstruktion gesucht
werden. Es ist unrichtig, vom früharchaischen Kiinstler etwa ein korrek-
tes Abbild der Profilansicht eines Antentempels zu verlangen, oder die
korrekte Wiedergabe eines Gebäudekomplexes von einem bestimmten
Blickpunkt her. Er gibt mehr als zufällige Ausschnitte, gibt eindringliche
Erinnerungsbilder, die er aus den deutlichsten und wichtigsten Einzel-
teilen zusammenbaut. Er erzählt etwa so: ‘Da ist ein schönes Gebäude,
aus regelmäßigen Quadern aufgefiihrt (das sieht man am besten an den
langen Seiten). Wie schön ist das Dach (das sieht man wieder am besten
an den langen Seiten) mit seinen Flachziegeln, Deckziegeln und Stirn-
ziegeln, mit dem Gebälk und den regelmäßigen Tropfenplatten. Man
kann auch in das Innere meines Hauses hineinsehen, durch die Türöff-
nung (die ist natürlich an der Vorderseite, das weiß jeder, aber ich will
sie ja zeigen, nicht verschwinden lassen). Da sieht man deutlich, wie die
Mädchen aus- und eingehen. Um mein Haus herum ist eine Mauer, vorn
und hinten, und da wachsen schöne Bäume. Wer zu dem Haus will, muß
zuerst in den Hof. Die Bäume und die Mauer sind dicht, da kann sich
einer verstecken’. Es ist die Erzählungsweise der gleichzeitigen Vasen-
bilder. Klitias, ein nur wenig jiingerer Zeitgenosse unseres Meisters,
bringt das Haus der Thetis in Vorderansicht, weil er ein Antengebäude
mit Giebeldach zeigen will, und dafiir die Fassade die wichtige, im archai-
schen Sinn fruchtbare Ansicht ist. Der Zug bewegt sich auf die Fassade
zu, Peleus und der Altar stehen vor, nicht neben dem Haus, Thetis sitzt
im Innern des Hauses, dem ankommenden Zug zugewendet. Das Alles
rollt der Maler in der breitesten, deutlichsten Ansicht vor uns auf, legt
nebeneinander, was sich verdecken würde, klappt um 90° nach vorn,
was in der Tiefe verschwinden müßte, kümmert sich nie um einen einheit-
lichen Blickpunkt. Auf dem Troilosbild desselben Kraters ist die Mauer
wieder der Deutlichkeit halber herumgeklappt, die aus dem Tor stürmen-
den Krieger aber bewegen sich so, als ob dies nicht der Fall wäre, und
ebenso ist der vor der Mauer sitzende Priamos behandelt. Die Brunnen-
halle erscheint von vorn, der Trojaner setzt aber seinen Krug nieder, als
ob er sich, um 90° gedreht, bereits ins Innere gewendet hätte, und vollends
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