Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 47.1922

Page: 118
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1922/0124
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
118

Carl Schuchhardt

wie es doch sein muß, im späteren trojanischen Material nicht finden
konnte und deshalb als doppelhenkligen Becher verstehen wollte, ist in
Troja I in Menge vorhanden; die Unterteile und Oberteile, fast von gleicher
Größe bilden ungefähr ein Viertel des Materials dieser Schicht. Ferner
das Schiffslager der Griechen vor Troja: sein Sohlgraben, die breite
Berme, auf der die Nachtwachen lagern, und der mit Pfählen abgesteifte
Wall, haben ihre nächste Analogie in den steinzeitlichen Befestigungen
des Rheinlandes, wie schon Loeschcke gesehen und Lehner 1910 dargelegt
hat (Prähist. Ztschr. II 21 ff.).

Die bemalte steinzeitliche Keramik von Rumänien, Bulgarien und
Südrußland, die als Vorstufe der mykenischen anzusehen sich heute
niemand mehr sträuben sollte, zeigt uns den mächtigen Bereich eines
alten thrakischen Kreises oder Reiches und erklärt die griechische Er-
innerung an Orpheus den thrakischen Sänger, der am Anfang aller Kultur
steht, auch den Stolz homerischer Helden, ein thrakisches Waffenstück
zu besitzen. Wir sehen diese Kultur dann immer weiter nach Süden vor-
dringen, bis die ‘mykenische’ vollendet dasteht, und parallel gehen die
Sagen. Von Thessalien fährt Jason schon durchs ganze Schwarze Meer
nach Kolchis. Der thessalische Achill macht auch vor der Eroberung
Trojas seine Züge nach Lesbos und Tenedos und zerstört Lyrnesos,
Pedasos, Theben. Dann erst folgt die Zerstörung Trojas durch den
Mykenier Agamemnon.

Die Sage reicht bis in die ältesten Zeiten zurück, die wir selbst er-
kennen können. Dörpfeld gebärdet sich, als hätte sie die Wahl gehabt
zwischen der simpeln ‘Lehmburg’ II und der vornehmen ‘Steinburg’ VI
und mfißte nun doch diese vornehme bevorzugt haben, — als ob beide
Schichten ihr vorgelägen hätten wie dem glücklichen Ausgräber. Es
kommt aber gar nicht darauf an, wie die Schichten in Troja sich z u -
e i n a n d e r verhalten, sondern nur darauf, wie jede von ihnen zu ihrer
Zeit gestanden, welche Rolle sie in ihrem Kulturkreise gespielt hat.
Troja VI war etwas, was es damals dutzendfach im Ägäischen Meere gab,
Troja II aber hat seinesgleichen an der kleinasiatischen Ktiste, auf den
Inseln einschließlich Kreta und auf dem griechischen Festlande bisher
nirgend gefunden. Es war offenbar die Hauptburg, die Beherrscherin der
vormykenischen, ‘kykladischen’ Kultur. Einen beliebigen gleichen oder
schwächeren Gegner zu bezwingen bringt keinen Ruhm, im Völker-
loading ...