Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 2.1968

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8. Johann Rombauer: Autoportrait, 1813, Oel.

Die Zeit, zu der sich Rombauer in Russland auf-
hielt, war eine Periode bewegter Jahre, in welcher
verschiedene Weltanschauungen, Gesellschaftssys-
teme und künstlerische Konzepte einander gegen-
über stehen. Diese Periode ist zum Grossteil
durch die Napoleon’schen Kriegen gekennzeichnet,
zufolge welcher es in einem erhöhten Masse zu
Kontakten mit der französischen Kultur und zur
Intensivierung der Reichweite der letzteren kommt.
Die Nation, die in einem solchen Masse das Schick-
sal von ganz Europa bestimmte, bestimmte
natürlicherweise auch Europas Geschmack. In
dieser Beziehung entging auch Russland nicht
seinem Los, umsomehr da die herrschende Klasse
dieses Landes seit jeher ohnehin zur französischen
Kultur neigte, sie sogar bewunderte. Doch das,
was die Napoleon’schen Kriege nach Russland
gebracht haben, war etwas ganz neues, anderes
als das, dem sich der russische Adel in Ehrfurcht
beugte. Der neue Kurs der französischen Kultur
bedeutete schon eine Trennung vom überfeinen
und sentimentalen Rokoko und vom aristokra-

tischen Klassizismus; anstatt dieser Elemente
brachte sie auch in die Kunst die nüchternen,
demokratischen bürgerlichen Tugenden. Rom-
bauer, inmitten des Wirbels des Petersburgers
künstlerischen Lebens, nimmt zwangsläufig in sich
die Stimuli der Aesthetik des zeitgenössischen
russischen Portraits auf, in welcher diese verschie-
denen weltanschaulichen Strömungen einander
kontaminieren, und gerade in dieser Periode
erscheienen bemerkenswerte Werke der russischen
Portraitmalerei. Die russischen Malerschule ist
in dieser Periode bestrebt, die durch den Rokoko
und den aristokratischen Klassizismus inthroni-
sierte Ueberfeinerung und Gekünsteltheit durch
die bürgerlich demokratisierte künstlerische An-
schauung J. L. Davids und der heimatlichen, von
Intentionen einer realisierenden Bestrebung ge-
tragenen Stimuli von Künstlern wie A. P. Antro-
pow (1716—1795), I. P. Argunow (1827 — 1802)
und F. S. Rokotow (1732—1808) zu ersetzen. Rom-
bauer akzeptiert diese Stimuli umsomehr als
ähnliche Tendenzen schon seinem vorhergehenden
Schaffen nahegestanden waren.
Es besteht kein Zweifel, dass die Zusammen-
hänge von Rombauers reiferen und späteren Schaf-
fen vor allem im Schaffen der zeitgenössischen
russischen Portraitisten zu suchen sind, auch wenn
hier keine genauen Grenzen gezogen und solche
Zusammenhänge nur mehr oder weniger intuitiv
erfasst werden können. Dabei ist es nicht möglich,
positivistisch eindeutig auf ein Muster hinzuweisen,
an das sich Rombauer konsequent gehalten hätte;
es existieren jedoch einige Koordinaten, zwischen
welchen sein Schaffen oszilliert.
Es ist nicht Orest A. Kiprenskij, Rombauers
prominenter Zeitgenosse, von welchen er die
intensivsten Stimuli übernimmt. Vieles weist
jedoch darauf hin, dass sich Rombauer vor allem
an seinen älteren Zeitgenossen, V. L. Borowikow-
skij (1757—1825), ukrainischer Abstammung,
Schüler von D. G. Lewickij (1737—1822) und
des Oesterreichers Johann B. Lampi hielt. Bo-
rowikowskij, der seine künstlerische Laufbahn
mit Ikonenmalerei begann und der auf dem Ge-
biete des Portraits als Miniaturist vor allem mit
der dekorativen Verzierung von Medaillonen,
Ringen oder Tabakdosen beschäftigt war, hat
sich zu einem kultivierten Maler intimer Portraits
entwickelt. Sein desinteressiertes, objektives He-
rantreten an das Modell, schon Keime des um die

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