Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 15.1939

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Besprechungen

stilistischen Entwicklung der provinzialrörnischen Plastik von Germanien und Gallien"
zu liefern (S. 8). Das Schwergewicht liegt dabei bewußt auf der Plastik Germaniens, die
dem Verfasser allein aus eigener Anschauung bekannt war. Als Ausgangspunkt dienen
die verhältnismäßig wenig zahlreichen Denkmäler, die durch außerstilistische .Umstände fest
datiert sind. Dazu rechnen z. B. die Inschriften auf Trab- und Weihreliefs, die, wenn sie
nicht gar nach römischen Konsuln datiert sind, häufig als Stifter Soldaten nennen, deren
Truppenteile nur eine beschränkte, uns mehr oder weniger genau bekannte Zeitspanne
hindurch an einem bestimmten Orte in Garnison lagen. Hinzu treten gewisse antiquarische
Einzelheiten, wie etwa die in der römischen Kaiserzeit sich rasch ändernden Frauen-
frisuren, die auch in der Provinz erstaunlich schnell jeden Modewechsel der Hauptstadt
getreulich nachahmen, u. ä. m.
Auf der Basis dieser und ähnlicher Einzelheiten rein formaler Art errichtet Hahl,
unterstützt durch eine genügende Auswahl von Abbildungen, im ersten 'Abschnitt seiner
Arbeit (S. 9—32) ein festes chronologisches Gerüst, mit dessen Hilfe die Linien der stilisti-
schen Entwicklung sichtbar werden. In der vorslavischen Zeit werden drei selbständig
nebeneinander herlaufende Stile unterschieden, die Hofkunst, die südgallische Dichtung
(Triumphbogen von Orange, Iuliergrab von St.Remy u. a.) und die von Ad. Furtwängler
seinerzeit sogenannte „Soldatenkunst", die sich aus der italischen Kunst der Zeit der späten
Republik (etwa seit 50 v.Chr.) ableiten läßt. Eine einheitliche Provinzialkunst setzt sich in
Gallien und Germanien erst in spätneronisch-srühflavischer Zeit durch (um 70 n.Ehr.), und
zwar gleichzeitig und parallel laufend mit der künstlerischen Entwicklung in Italien selbst.
An die Stelle der starren Körperwiedergabe mit knapper, grätiger Andeutung der Ge-
wandfalten treten gelockerte Figuren mit deutlicher Scheidung von Standbein und Spiel-
bein. Die Faltentäler werden tiefer, aufgewühlter, die Schattenwirkungen feiner abgestuft.
Die ältere Forschung hat diese neue Stilrichtung als eine rein provinzielle Eigentümlich-
keit betrachtet und mit dem besonderen künstlerischen Geschmack der nicht-italischen Pro-
vinzialbevölkerung in Verbindung gebracht (Winter, Schober). Hahl weist demgegenüber
S. 21 ff. überzeugend nach, daß die Provinz lediglich einem Stilgefühl folgt, das in Italien
selbst neu entstand und sich von dort aus in die Provinzen verbreitete. Auch weiterhin, bis
zum Ende der provinzialrömischen Plastik etwa in der Zeit Konstantins d. Gr. (im Limes-
gebiet um 260 n.Ehr.) kann H. immer wieder auf die stilistische Parallelentwicklung in
Italien und in der Provinz Hinweisen (vgl. besonders S. 31 f.). — Im Anschluß an das
im ersten Abschnitt geschaffene chronologische Gerüst werden im zweiten Abschnitt
(S. 33—55) eine Reihe von äußerlich nicht datierten Stücken auf stilistischem Wege ein-
geordnet, und zwar nach Typen: die mit dem einheimischen Gewand bekleideten stehenden
Gestalten; weibliche Gewandfiguren usw.
Im dritten Abschnitt (S. 56—62) faßt H. in ebenso vorsichtig-besonnenen wie weiter-
führenden Worten seine Ansichten über das Verhältnis der provinzialrömischen zur
italisch-höfischen und zur keltischen Kunst zusammen. Die starke Abhängigkeit der Ent-
wicklung der Provinzkunst von derjenigen der italischen Kunst, besonders seit der slavischen
Zeit, ist schon oben betont worden. Aber auch für die vorslavische Zeit läßt sich mit Hilfe
des bisher kaum publizierten Materials der italienischen Museen nachweisen, daß der
Gegensatz nicht so sehr heißt: Provinzkunst — italische Kunst, sondern: Kunst Italiens ein-
schließlich der Provinzen — Hofkunst, bzw. Kunst der Hauptstadt Rom. Indessen lassen sich
innerhalb der Kunst der nichthauptstädtischen Bevölkerung gewisse Stilkreise herausarbei-
ten: Italien selbst steht der Hofkunst näher als die Provinzen. Innerhalb der Provinzen
wiederum gibt es Unterschiede zwischen den Donauprovinzen und den Rheinprovinzen usw.
Auch lassen sich durchaus gewisse gemeinsame Merkmale beobachten, die die „Provinzial-
kunst" als solche kennzeichnen, z. B. die Neigung zu vereinfachender und vereinheitlichender
Richtung der Falten, das fast völlige Fehlen der Freiplastik, während die Relieffiguren
gerne in die Fläche ausgebreitet werden und erstarren, das Hervorheben bestimmter Ein-
zelheiten (Hände, Füße) usw. Es ist mit Recht zu fragen, wieweit solche Eigenheiten rein
qualitative Mängel der Arbeit oder vielmehr bewußte, gewollte Stilmerkmale der Pro-
vinz sind. Oft genug lassen die Steinmetzen zweifellos jegliche Schulung missen. Anderer-
seits weist H. (S. 57) mit Recht daraus hin, daß die angeführten stilistischen Tendenzen
der Provinzkunsi dem Geschmack der kulturell tieferstehenden Volksschichten mehr entspre-
chen und zu allen Zeiten wiederkehren, etwa in der srühromanischen Kunst. — Dagegen
hält es H. vorläufig für verfrüht, spezifisch keltische oder germanische Elemente in der
Provinzkunst herausarbeiten zu wollen; sicherlich zu Recht. Angesichts der Tatsache, daß
die vorgeschichtlichen Künste ausschließlich oder fast ausschließlich das Ornament gepflegt
haben, werden wir den einheimischen Elementen in der Provinzkunst erst bei eindringen-
dem Studium der dort vorhandenen Ornamentmotive näherkommen. Auf Vorarbeiten auf
diesem Gebiete, besonders aus dem Bereich der Donauprovinzen (v. Jenny, Schober,
F. Wimmer u. a.), weist H. S. 62 hin.
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