Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 15.1939

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Besprechungen

Eindruck vorwegzunehmen: wir sind Kollegen Gummel, der während der Abfassung im
Hauptberuf Museumsleiter war, zu überaus großem, herzlichem Dank für seine unge-
heure, saubere Arbeit und die sorgfältige Darstellung verpflichtet. Ein riesiges Schrifttum,
Briefe und Akten waren kritisch durchzuarbeiten und in das Chaos von guten, aber ver-
geblichen Ansätzen, Fantastereien, erbitterten sachlichen und persönlichen Kämpfen Ord-
nung zu bringen. Dazu muhte die Geschichte unseres Faches in den Nachbarländern (Skan-
dinavien — Bronzezeit —, Schweiz — Pfahlbauten —) ebenso wachsam verfolgt werden wie
der Werdegang der neuzeitlichen Wissenschaft im allgemeinen und der Vielen Nachbar-
fächer im besondern (Geschichte, klassische Archäologie, Germanistik, Geographie, Anthro-
pologie bzw. Zoologie, Geologie). Gummel hat diese Aufgabe erstaunlich gut gemeistert.
Die Darstellung ist gut lesbar, ebenso ruhig sachlich wie warmherzig, durch überaus zahl-
reiche Anmerkungen unterbaut. Wo immer möglich, kommen die Autoren in treffenden
Auszügen selber zu Wort, so daß fast eine Art Quellensammlung entsteht. Da die Dar-
stellung bis zur Gegenwart durchgeführt ist, wird auch über methodische Fragen unmittel-
bar Wertvolles gebracht. Kurze Lebensbeschreibungen der wichtigsten Forscher, Bilder
und ein Namensweiser erleichtern die Benützung. Die Einteilung der Abschnitte folgt dem
Borschlag von K. H. Jacob-Friesen; die einzelnen Sachgebiete (z. D. Denkmalpflege) sind
daher leicht in ihrer besonderen Entwicklung zu verfolgen, doch wäre das auch mit einem
Sachweiser zu erreichen und das Gesamtbild der geschichtlichen Entwicklung verschwindet
hinter der Einteilung (den einzelnen „Fächern"), ebenso die Wirksamkeit der einzelnen
Persönlichkeiten. Auf der von Gummel gegebenen Basis werden sich sicherlich Darstellun-
gen von Persönlichkeiten und von Ideen fruchtbar entwickeln; Gummel selbst weist aus
die Arbeit der Wahleschen Schule hin, die er dankbar benützt (P. H. Stemmermann, Die
Anfänge der deutschen Vorgoschichtsforschung, 1934; E. Wahle, K. H. Wilhelmi als Be-
gründer der Altertumsforschung in Süddeutschland, 1933). Ebenso dringend ist zu wün-
schen, daß die Nachbarländer und die Nachbarwissenschaften — soweit nicht schon ge-
schehen — folgen; z. B. ist eine unumgängliche Ergänzung zu Gummel eine Darstellung
der provinzialrömischen Forschung, die besonders in West- und Südöeutschland von der
Entwicklung der urgeschichtlichen Forschung nicht zu trennen ist; dabei wäre außer dem
Limes (Pfostenloch, Grundrisse, überhaupt erste große planmäßige Ausgrabung) vor
allem Persönlichkeiten wie Conze Rechnung zu tragen. Inhaltlich schließt sich G. bezüglich
der älteren Zeiten (bis rd. 1800) weithin an P. H. Stemmermann an; dem Dreiperioden-
system wird weniger epochemachende Bedeutung zugemessen als der „Anerkennung der
vorgeschichtlichen Denkmäler und Funde als selbständigen historischen Quellen", die dem
Breslauer Büsching ('s 1829) zu verdanken ist, der durch seinen „Abriß der deutschen
Altertumskunde" (1824) „die Borgeschichtsforschung zum Rang einer Wissenschaft er-
hob". G. setzt einen Unterabschnitt mit 1871, der inhaltlich als „anthropologische Periode"
zu bezeichnen wäre und daher besser mit 1866 (Archiv f. Anthropologie; 1869 ZfS, BAG;
1870 DAGH beginnen würde, wenngleich „mit dem Hahr der nationalen Wiedergeburt,
1870 ..., alles in vollen Fluß kam" (220). Der dritte Abschnitt ist durch G. Kossinna ge-
kennzeichnet (wobei die Altsteinzeit beinahe übergangen wird), der vierte hat mit 1933
begönnen.
Lassen wir das Gesamtbild vom Werden unserer Wissenschaft auf uns wirken, so
ist der erste Eindruck bemühend, ja nieöerdrückend. Stoff ist immer schon in Menge vor-
handen, ja drängt sich auf Schritt und Tritt auf. Die Methoden der Bergung, denkmal-
pflegerischen Erfassung, musealen Aufbewahrung sind dem gesunden Menschenverstand
einsichtig und erfindlich, ja auch die Deutung. Wissensbegierde, Vaterlandsliebe, Streben
nach Gesamtgeschichte sind, wenn anch in wechselnder Ausprägung und Stärke, seit dem
Humanismus vorhanden. Manner vom Ausmaß von Leibniz und Goethe nehmen regen
Anteil. So kommt es immer wieder zu Anläufen, denen aber der bleibende Erfolg ver-
sagt bleibt, und darum zu Wieder-Entdeckungen, zu umfassenden, organisatorischen An-
sätzen („Altertümer", Gesamtverein, Zentralmuseum, DAG, RGK; Denkmalpflege), denen
die Zukunft mehr oder weniger versagt blieb. Die klassische Altertumskunde wurde durch
Winckelmann (1755), die deutsche durch die Brüder Grimm (1819), die Geschichtsschreibung
durch Niebuhr und Ranke (1824) zu Wissenschaft und Kulturgut, warum nicht die Vor-
geschichte? Das teilweise Versagen der Nachbarwissenschaften und des Staates kann nicht
allein zur Erklärung herangezogen werden (Lindenschmit hat sein Museum erkämpft,
Kossinna die Geltung des Faches); schwerer wiegt, daß die beiden genialen Forscher des
19. Jahrhunderts zu früh starben: Büsching mit 45 Jahren (1829), Tischler mit 48 (1891;
immerhin fand er — nach dem Tode — in Kossinna einen Schüler).
Die Widerstände lagen im Stoff selbst, schon in seiner Anscheinbarkeit, Massenhaftig-
keit, Vordringlichkeit, vor allem aber im „Dunkel der Vorzeit", in das — nach Zerstörung
des biblischen Berichtes und der Sagen durch die Aufklärung — zunächst kein Licht einzu-
dringen schien. Erst mußten anschauliche, konstruktive Leitbilder geschaffen und erprobt
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