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Als der Bote solches verkündigt hatte, verneigte er sich abermals, ging zu seinem Roß zurück, 33
saß auf und sprengte über die Wiese in den Wald.
Und siehe, die Frau vom Sonnengarten hatte ihre Spindel fallen gelassen, die Frau vom
Mondgarten hatte ihr Schachbrett umgeworfen, und beide saßen unter der Eiche, die Wange
in die linke Hand gestützt, in Sinnen versunken.
Da kam auf einmal in ihre beiden Herzen das Verlangen, den König wiederzuschauen. Sie
hatten ihn nicht mehr gesehen seit dem Tode ihrer guten Herrin. Und wie sie solche Sehnsucht
in ihren Herzen bewegten, da blitzte es blaugolden durch die Luft, und das wunderbare
Vögelein fing wieder an zu singen. Es saß hoch oben auf dem obersten Zweig, und es sang
so süß und mächtig, daß beiden Frauen das Herz schwoll vor Lust und Leid.
Da hielt das Vögelein im Singen inne und fing in menschlicher Sprache an:
Wenn Gold und Silber zusammen klingt,
Und dem König sein Herz vor Freuden springt,
Meine Brust ihr letztes Liedlein singt
Nachdem das Vöglein also gesprochen hatte, hob es sich in die Lüfte und flog auf und
davon.
Die beiden Frauen aber standen auf zur gleichen Zeit. Ohne es zu wollen, wandten sie sich
einander zu und schauten sich an, zum erstenmal wieder seit vielen Tagen. Sie schauten
sich an mit einem langen forschenden Blick und grüßten sich ernst mit den Augen. Aber
dann kam wieder die Eifersucht über ihre Herzen. Jede eilte, um der andern mit der
Botschaft an den König voraus zu kommen. Die Frau vom Sonnengarten ging aus
ihrem Park quer über das Feld, gerade auf den Schloßberg zu. Als sie ihn hinaufstieg,
triumphierte sie in ihrem Gemüte, denn ihre Gegnerin war weit hinter ihr geblieben, und sie
war dem Schloßherrn schon ganz nahe, als sie von dem Könige erblickt wurde. Um sie zu
begrüßen, war er die Walltreppe hinunter gestiegen und erwartete sie unter der Schloßlinde.
Unterdessen hatte sich aber auch die Frau vom Mondgarten gesputet, dem Könige die Vogel-
botschaft zuzutragen. Der Teil des Parkes, der ihr gehörte, stieß an ein Flüßchen, worüber ein
Steg führte. Auf der anderen Seite des Flüßchens mündete an diesem Steg ein schmaler Pfad,
der sich durch die Weinberge steil hinaufschlängelte zur Königsburg.
Diesen Weg hatte die Frau vom Mondgarten eingeschlagen. Durch ein Wallpförtchen kam
sie in den äußeren Zwinger und durch einen finsteren Gang in den inneren Burggraben, von
dem aus eine eiserne Leiter in ein offenes Kellergewölbe führte, das sich auf den Burghof
öffnete. Die Frau vom Mondgarten war dereinst einmal allein mit der Königin den Pfad
hinunter gestiegen in den Park. Daher kannte sie ihn. Auch wußte sie, wie man die geheimen
Pförtchen öffnete.
Dieser Weg war um vieles kürzer als der Weg über das Feld. Das wußte die Frau vom
Mondgarten, darum war sie dessen ganz sicher, ihrer Gegnerin zuvor zu kommen. Sie

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