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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0047
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Als sie ihrem Knaben bei der Morgensuppe ihre Absicht mitteilte, da ward er bleich wie das
Leinen auf dem Tisch und bat sie um Gotteswillen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Sie aber
lachte mit ihrem vollen Mund und fuhr ihm mit ihrer weißen Hand durch das krause Haar. Dann
ging sie hinaus in die Küche. Dort griff sie mit ihren nackten Armen in den Gänsestall und
holte das erste ihrer Schlachtopfer heraus. Und wie das arme Gänslein auch schrie, es half
ihm nichts. Sie preßte es zwischen ihre Kniee und stach ihm ihr spitzes Küchenmesser in
den weißen Hals. Desgleichen tat sie auch dem zweiten und wollte eben das Messer ansetzen,
um auch dem dritten den Todesstich zu versetzen, als der Knabe Singal, der alles hinter der
Tür mitangesehen hatte, herein stürzte. „Mutter,“ schrie er, „um Gottes und aller Heiligen
willen laßt ab.“
Die Mutter aber kräuselte spöttisch die frischen Lippen und bog mit ihrer Hand den zarten
Hals des Tieres zurück, um die Messerspitze einzuführen.
Da stürzte sich der Knabe, zitternd vor Wut und jähem Schmerz auf die Mutter, entriß ihr
das Messer und gab ihr einen Stoß vor die Brust, daß sie gegen die Wand taumelte und ohn-
mächtig vor Schrecken zu Boden stürzte. In dem Augenblick aber breitete das befreite Tier
die Schwingen mächtig aus und flog gegen das offene Fenster.
„Nimm mich mit, nimm mich mit“ rief Singal und streckte die Hände aus. Und da der Vogel
eine Weile ruhig schwebte, griff er mit beiden Händen nach den Füßen des Tieres und hielt
sich krampfhaft daran fest. Und siehe, er begann leicht und leise emporzuschweben. Flügel
rauschten über ihm. Bald umfloß ihn die freie Luft, und tief unter ihm lag der Mutter Haus,
lagen die zwei Pappeln, lag das alte Städtchen, in dem er geboren und aufgewachsen war.
Dann ging es immer hoch über der Erde weiter und weiter, immer gen Mittag. Singal sah
zum erstenmal die Reiche der Welt. Er sah Städte, deren Türme und Kuppeln glänzten wie
gelbes Gold, und in deren Gassen die Menschen umherliefen wie emsige Ameisen. Er sah
Gärten, deren Bäume tief hingen, gebeugt von dem Gewicht köstlicher Früchte, deren Sträucher
glühten von roten und buntfarbigen Blumen. Er sah Wiesen, so grün wie der Smaragd im
Ehering seiner Mutter und Seen, so blau wie das Himmelsdach, unter dessen Wölbung er
dahinflog. Zuweilen, wenn der Flug sich über den Kamm eines steilen Gebirges erhob, war
ihm, als streife seine Brust das Laub dunkler Baumkronen, und einmal ritzte er seinen Fuß an
der scharfen Kante eines grauen, zackig gen Himmel ragenden Felsens.
Und mit wundersamen Tönen füllte sich sein Ohr. Das Gezwitscher der Vögel war in solcher
Höhe nicht mehr vernehmbar. Dafür aber hörte er die zitternden, säuselnden und brausenden
Gesänge der Luft, die stillen, wehmütigen Lieder der Wolken, die leise herabschwebenden
Stimmen der Sterne.
Er war daheim immer der Musik nachgelaufen. Jetzt schwamm er durch ein Meer von Musik
und mischte seinen eigenen Gesang in die Töne, die ihn umgaben.
Erst am Abend des zweiten Tages, als eben die Sonne hinter einem riesigen Bergrücken hinab-
sank, fühlte sich auch Singal, der todmüde und ganz erschöpft war und sich kaum mehr fest-

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