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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0068
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62 Allein ehe sie dazu kam, war der Vater schon hinausgesprungen. Er war zu erregt, um an
weiteren Schlaf zu denken.
Und kaum hatte er die Decke des Stalles über sich, so brüllte er auch schon die Entdeckung
hinaus:
„Eieijeieijei! Zwei Stück Vieh aus der Stall, und da schaut bigott kein Mensch nach! Cordula!
Der Franzos isch verschwunde mit der Schwarzbart!“
„V erschwunde ? “
„Ich sieh sie nit!“
Cordula wußte, welch ein Gewitter dem Hause bevorstand, bis die Ordnung wieder hergestellt
sein würde. So ließ sie flugs die Hände von der Schleife sinken, mit der sie sich noch beschäftigt
hatte, und huschte hinaus in die Flut des Sonnenscheins und an den Rand des Nebelmeers.
Aber nichts zeigte oder rührte sich, und nur als sie dem Hasenmartihof nahekam, sah sie hinter
der Fensterscheibe ein paar Finger den Hohlweg zum Berge hinunter zeigen: also mußte sie
ganz selbstverständlich im Nebel weitersuchen.
„Ich gang hier hinunter!“ rief sie dem Vater zu und gab ihm so zugleich Weisung, selber an
anderer Stelle des Abhangs und im Tale nach den Ausreißern zu forschen.
Eisnadeln und Wasser fielen von den Bäumen auf Cordula nieder; Gesicht und Hände wurden
feucht, und ihre Kleider hingen endlich am Körper, als seien sie aus dem Wasser gezogen.
Ihre Augen suchten die Nebelwände unausgesetzt zu durchdringen, und sie strengte sich an,
einen Laut der vierbeinigen Hausgenossen zu vernehmen. Vergebens!
Aus dem Hohlweg waren die Flüchtlinge längst hinaus, und so suchten Vater und Tochter
peinlich genau jeden Waldwinkel ab, bis sie froren, gingen abermals bis zur Erhitzung hastig
weiter und gaben einander durch laute Zurufe von der Fortsetzung der Forschungsreise Kunde.
Doch kein fröhlicher, zuversichtlicher Ton fegte die Drangsale vom Herzen. Und das Blut
arbeitete immer heißer in den Adern; die Angst um die verlorene Habe machte die Suchenden
hitzig, und doch war ihnen in all dem Nebel und durch den Mißerfolg der Expedition fast
der Glaube an die Sonne abhanden gekommen.
Kaltblütig und lächelnd dagegen spreizte droben der Sohn des Hasenmartibauern die strammen
Kürassierbeine. Er hatte des Nachbarn Vieh in die Tiefe jagen und die beiden Menschen folgen
sehen. Nun geraume Zeit vergangen war ohne ein Wiedersehen, fühlte er sich mit Wohlgefallen
im Vollbesitz seiner Kräfte an Knochen und Sehnen und Muskeln und fühlte den Drang, sich
zu betätigen als Helfer in der Not. Hurtig die Flüchtlinge einholen, sie mit starken straffen
Armen bändigen und der geängstigten Cordula oder ihrem Vater selber die Besiegten zuführen,
den Alten durch solche Kraftprobe und die Nichtannahme eines Dankes beschämen, das schien
Servatius ein erstrebenswertes Ziel. Und wenn er die Cordula vor diesem glücklichen Ende
allein treffen sollte im Schutz des Nebelschleiers, um so gesegneter mußte dann der Tag werden
und der unglücklichen Geliebten würden die frohen Minuten des unvermuteten seltenen Zusammen-
treffens wenigstens einen Lichtstrahl in der Finsternis bedeuten.
 
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