Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

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LEBEN UND WIRKUNG

Roger de la Pasture lautet in den Urkunden seiner Vaterstadt Tournai der Name des Malers, der im
vlämischen Brüssel Jahrzehnte hindurch als Stadtmaler unter dem Namen Rogier van der Weyden gewirkt
hat. Der holländische Malerbiograph Karel van Mander, der von Rogier sagt, daß er in der dunklen Zeit
niederländischer Kunst das Licht seiner »vernunftigkeydt« habe leuchten lassen, berichtet, daß der Maler
aus Flandern oder von vlämischen Eltern stamme. In Wahrheit jedoch ist Rogier als Sohn des Messer-
schmiedes Henry de la Pasture in dem damals zu Frankreich gehörenden Tournai geboren, wahrschein-
lich gegen Ende des Jahres 1399 oder bald danach. Neben der französischen und der vlämischen Namens-
form tauchen gelegentlich auch die latinisierten auf: Rogerius de Pascuis oder Rogerius Sweidenius. Aus
dem Namen allein ist nicht auf die — unter Vertretern der beiden belgischen Nationen heute sehr umstrit-
tene — völkische Herkunft des Meisters zu schließen. Umstritten sind auch die wichtigen Fragen nach
seinen künstlerischen Anfängen und seinem Lehrer. Fast alles, was wir über Rogiers Leben wissen,
wurde mühsam aus trockenen Rechnungsauszügen in den Archiven von Tournai und Brüssel erschlossen1.
Rogiers Vaterhaus in Tournai wurde am 18. März 1426 versteigert. Als bei dem Verkauf zugegen nennt
die Urkunde zwar die Witwe des Henry de la Pasture und zwei Töchter, nicht jedoch den Sohn, der wahr-
scheinlich bereits vorher als Erbe abgefunden gewesen sein wird. Fünf Monate später, am 17. Novem-
ber 1426, wurden vom Magistrat der Stadt einem »Maistre Roger de la Pasture« zweimal je vier Lot Wein
überreicht. Weinspenden dieser Art scheinen üblich gewesen zu sein, sowohl um auswärtige Gäste zu
ehren, wie auch zu Hochzeiten von Bürgern der Stadt. Im folgenden Jahre hat auch Jan van Eyck in Tour-
nai eine solche Ehrengabe von freilich nur einmal vier Lot Wein erhalten, und zwar am 18. Oktober zum
Lukasfeste der Maler. Jan, der in jenen Jahren als »varlet de chambre« des Burgunderherzogs Philipps
des Guten viel auf Reisen gewesen zu sein scheint, wird in der Rechnungsnotiz nicht wie jener Roger als
Meister, sondern als Maler (Johannes pointre) bezeichnet2.
Ist der 1426 in Tournai geehrte Maistre Roger der uns bekannte Maler und bedeutet »maistre«, daß
er damals schon Meister des Malerhandwerks gewesen ist ? Eine wieder etwas spätere Tournaiser Eintra-
gung scheint dem zu widersprechen. Am 5. März 1427 — 1426 alter Rechnung, das Tournaiser Jahr
begann Ostern — tritt Rogelet de la Pasture bei dem bereits seit Beginn des Jahrhunderts häufig in den
städtischen Urkunden vorkommenden Maler und Meister Robert Campin in die Lehre, in der er länger
als fünf Jahre bleibt. Am 1. August 1432 verläßt dieser Rogelet als freigesprochener »Maistre Roger de
la Pasture« Campins Lehre ähnlich wie kurz darauf auch sein — 1427 gleichfalls noch mit dem Diminutiv
(Jaquelotte) bezeichneter - Mitlehrling Jaques Daret. Dieser wird bereits 1418 als Hausgenosse bei Cam-
pin erwähnt. Wahrscheinlich ist er damals schon Lehrknabe bei ihm gewesen, was Rogelet offenbar
nicht war.
Im Jahre 1426 dürfte, nach dem Geburtsjahr seines ältesten Kindes zu schließen, der uns bekannte Maler
Rogier bereits ein verheirateter Mann gewesen sein. Das Diminutiv Rogelet braucht noch keineswegs
auf ein besonders frühes Lebensalter schließen zu lassen. Auch ein 27jähriger mußte sich vielleicht,
wenn er in die Lehre eines Meisters trat, diese Benennung gefallen lassen, mochte er vorher auch schon in
einem anderen Berufe — das klingt zwar wenig wahrscheinlich, ist aber nicht ausgeschlossen — ein

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