Weyden, Rogier van; Beenken, Hermann
Rogier van der Weyden — München: Bruckmann, 1951

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sein Miterleben so tief bestimmte, daß es geradezu als das zentrale Thema seiner Kunst angesehen werden
kann, damit ganz ein Kind seines Zeitalters. Ist er jedoch selber darum ein Mystiker gewesen, ist seine
Malerei in ihrem innersten Wesen von Vorstellungen der Mystik her zu begreifen ?
Wahrscheinlich kommt es, will man diese Fragen beantworten, darauf an, ob man das Bereich der
Mystik und den Begriff des Mystikers enger oder weiter begrenzt. Denkt man an eine Mystik, die sich des
eigenen Ichs zu entäußern sucht, die die Welt verlieren will, um mit dem Göttlichen auf neue Weise eins
zu werden, so war Rogier ohne Zweifel kein Mystiker. Er war dies auch ganz und gar nicht im Sinne jener
Schnitzer der Vesperbilder und Mystikerkruzifixe des deutschen 14. Jahrhunderts, welche in der Darstel-
lung des im Schoße der trauernden Mutter liegenden und des am Kreuze hangenden Leichnames Christi
das Gefühl der Andächtigen einzig und einseitig auf das Entsetzenerregende des zermarterten Körpers,
seiner Wunden, seines Blutes hinlenken wollten. Rogiers Kreuzigungs- und Beweinungsbilder meiden
das Maßlose und Extreme. Auch mit den Augen eines Grünewald hat er das Passionsgeschehen niemals
gesehen. Er war fromm und fraglos auch kirchengläubig; aber er war zugleich immer auch weltzuge-
wandt. Mit einer weltflüchtigen Kunst, wie es sie im 14. Jahrhundert hier und da gegeben hatte, hat die
seine ganz und gar nichts gemein.
Noch ferner als der Mystik steht Rogier jedoch allen symbolischen Spekulationen des scholastischen Den-
kens, so wie sie auch zu seiner Zeit noch sehr verbreitet gewesen. Seine Kunst fügt keine abstrakten, rein
gedanklichen Ordnungen wie die Kathedralenkunst des Hochmittelalters. Symbolische Beziehungen von
Bild zu Bild, etwa von Alttestamentlichem zu Neutestamentlichem, wie sie z. B. dem Löwener Abend-
mahlsaltar des Dierick Bouts zugrunde liegen, spielen in seinem Schaffen, soviel wir sehen, keinerlei
Rolle. Er wendet sich niemals nur an den Wissenden, dem gewisse Beziehungen und Zeichen geläufig
sind. In seinen Bildern liegt alles offen und klar für jeden, jeder sieht, was gemeint ist, und es bedarf
keines erklärenden Schlüssels. Denkbar ist freilich, daß sich der Meister nicht gesträubt haben würde, ein
mit Symbolik belastetes Werk zu malen, wenn ein Auftraggeber gerade darauf bestanden hätte. Er ist
jedoch, so will es uns scheinen, gar nicht in Versuchung gekommen.
Wir stoßen schon hier auf die für die Beurteilung von Rogiers Persönlichkeit entscheidend wichtige
Frage, wie weit er in seinem künstlerischen Schaffen noch von anderen, von Auftraggebern oder geistlichen
Beratern, abhängig war.
Der Genter Altar mit der Anbetung des Lammes und das Abendmahlstriptychon von Löwen wurden
in ihren Inhalten ohne Zweifel von anderen bestimmt, die Maler, Hubert und Jan van Eyck und Bouts,
hatten sich einfach dem Verlangen ihrer Auftraggeber zu fügen. Daß dies in hohem Grade auch bei
Rogier der Fall war, sei nicht ohne weiteres bestritten. Wie jedoch erklärt es sich, daß der inhaltliche Kreis
seiner ja vergleichsweise zahlreich überkommenen religiösen Bilder in einer ganz bestimmten Weise
begrenzt ist und sehr vieles ausschließt, was von anderen Malern der Zeit unbedenklich, so wie es ihnen
angesonnen wurde, gemalt worden ist ?
Prüft man einmal, was Rogier gemalt und was er nicht gemalt hat, so ist leicht festzustellen: fast alle
seine kirchlichen Bilder kreisen um die Ereignisse der Epiphanie und des Todes Christi, seines Wieder-
erscheinens nach dem Tode und am Tage des Jüngsten Gerichtes. Keines der uns erhaltenen eigenhän-
digen Werke des Meisters zeigt dagegen Christi Wirken in dieser Welt als Lehrer, als Wundertäter,
keines auch sein Leiden als Lebender62. Rogier verherrlicht auch nicht die Eucharistie, es gibt kein Abend-
mahl von ihm, keine Himmelfahrt und keine Ausgießung des Heiligen Geistes. Ein Altar, der die Sakra-
mente der Kirche feiert, heute im Antwerpener Museum (Abb. 119-121), ist zwar in seiner Werkstatt ent-
standen, der Meister selber aber hat, von dem zu der großen Kreuzigungsdarstellung abgesehen, wohl nicht

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