Berger, Frank
Sammlungskataloge / Kestner-Museum, Hannover (2. Teil): Die mittelalterlichen Brakteaten im Kestner-Museum Hannoverr — Hannover: Kestner-Museum, 1996

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Über Brakteaten

Brakteaten sind die eigenartigste und interessanteste
Erscheinung im Münzwesen des deutschen Mittel-
alters. Von den Karolingern bis ins hohe Mittelalter
gab es in Deutschland nur eine maßgebliche Münz-
sorte, den silbernen Pfennig. Dem Nominal nach
waren Brakteaten solche silberne Pfennige und wur-
den auch so genannt. Während die herkömmlichen
Pfennige aber zwei geprägte Seiten hatten, waren
die Brakteaten nur einseitig geprägt; das Bild der
Vorderseite hatte ein erhabenes Relief, welches auf
der Rückseite der Münze vertieft erscheint. Der
Name „Brakteat“, ein gelehrter Fachausdruck des
17. Jahrhunderts (Lat. bractea = dünnes Blech),
bezieht sich auf diese hohlen einseitigen Silber-
pfennige.
Der Prägung der Brakteaten begann um 1130 in der
Mark Meißen. Von dort dehnte sie sich in westlicher
Richtung aus und ist einige Jahre später in Erfurt,
Magdeburg, Quedlinburg und Hersfeld nachweis-
bar. Thüringen und das Harzvorland bildeten dann
das Zentrum der frühen Brakteatenprägung. Diese
Münzform verbreitete sich dann rasch aus über
ganz Deutschland nördlich des Mains und östlich
der Weser. Ausläufer erstreckten sich bis Skandina-
vien und Böhmen. Die Ausbreitung geschah unter
gleichzeitiger Aufgabe der (zweiseitigen) Denarprä-
gung in diesen Gebieten. Beide Münzformen kom-
men nur im Grenzbereich von Denar- und Braktea-
tenlandschaften vor, wobei der Denar eher für Fern-
handel und der Brakteat eher zum lokalen Umlauf
bestimmt war. Ein besonderes Brakteatengebiet
entstand ca. 50 Jahre später im schwäbisch-aleman-

nischen Raum. Es waren aber keineswegs alle deut-
schen Landschaften an der Herstellung einseitiger
Pfennige beteiligt. In den wirtschaftlich hoch ent-
wickelten Gebieten, wie im Rheinland, in Westfalen
und in Bayern, wo die Bevölkerung den Umgang
mit der Münze schon gewohnt war, wurde die tra-
ditionelle Form der Münze beibehalten.
Brakteaten sind hingegen in Gebieten anzutreffen,
deren wirtschaftliche Erschließung gerade im 12.
Jahrhundert durchgeführt wurde. In Zusammen-
hang mit dem Landesausbau, der Städtegründungs-
welle und einer neuen Konstellation von Natural-
steuer - Markt - Stadt - Münze entstand der Be-
darf nach einem lokalen Zahlungsmittel besonderer
Form. Dem schien offenbar der Brakteat entspro-
chen zu haben.
Die Schrötlinge, d. h. die Metallplättchen, die durch
Prägung zu Münzen werden sollten, wurden auf
flach gehämmertem Silberblech herausgeschnitten
oder herausgestanzt. Da das Silber unvermischt und
somit recht weich war, konnte es in kaltem Zustand
geprägt werden. Die Mehrzahl der Brakteaten
wurde in Stanztechnik auf einem Unterstempel
hergestellt. In diese Unterstempel waren die Bilder
seitenverkehrt eingeschnitten, manchmal auch
eingepunzt. Alle Stücke wurden einzeln geprägt.
Nicht selten dienten auch ältere flachgeschlagene
Brakteaten als Schrötlinge. Da man nur einen
Stempel brauchte und die Schrötlinge so einfach zu
produzieren waren, dürfte die Prägung schnell und
kostensparend vor sich gegangen sein; halbe Stücke
konnten durch Zerbrechen hergestellt werden.
Die fragile Form der Brakteaten trägt ihrer kurzen
Lebensdauer Rechnung, denn der Umlauf der Mün-

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