Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

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Das Buch für Alle.

aus einem anderen Grunde die Stadt verlassen. Zwar
kommt dieser Grund erst tu zweiter Reihe, aber er
wirkt doch mitbestimmend. Bor vier Jahren — ich war
noch nicht lange als Gesellschafterin bei Fran Professor
Dehnhardt gewesen — reiste ich mit Letzterer nach Wies-
baden, wo wir uns längere Zeit aufhielten. Durch
einen Zufall lernte ich dort die Reichsgräfin Isabella
v. Felseck kennen, wir fühlten uns gegenseitig so sehr
zu einander hingezogen, daß uns bald die innigste
Freundschaft verband. Der Kronprinz und Prinz Fer-
dinand waren zu derselben Zeit auch in Wiesbaden. Hier-
war es, wo sich das Liebesverhältniß zwischen der jungen
Reichsgrüfin und dem Prinzen Ferdinand entwickelte.
Ich war Jsabella's einzige Vertraute. Als die Bade-
saison zu Ende war, reisten wir wieder hieher zurück,
die Reichsgräfin mit ihren Großeltern nach dem Eomer-
see, wo sie schon feit vielen Jahren eine Villa bewohn-
ten. Seit jener Zeit nun haben Isabella und ich un-
unterbrochen mit einander korrespondirt bis zu dem
Augenblick, wo ich meinen Vater fand. Als es mir-
klar ward, daß ich die Tochter eines Verbrechers sei, da
fühlte ich mich nicht mehr würdig, mit dieser edlen, hoch-
gestellten Dame irgend welche Gemeinschaft zu haben,
ich trete freiwillig zurück und habe ihren letzten Bries
nicht mehr beantwortet."
„Ist denn verletzter Stolz immer so grausam? Du
gibst den Geliebten, gibst die Freundin auf, hast Du
denn auch bedacht, wie sehr vielleicht Beide leiden, daß
sie Dich verlieren müssen?"
„Ich hab's bedacht, und dennoch muß ich so handeln."
„lind wenn Du fort bist, Hermine, dann gibst Du
auch mich Wohl auf?"
„O nein, liebe Klara, Du kanntest mein ganzes
Elend, bevor Du mir die Hand reichtest."
„Auch die Anderen werden ihre Hand nicht zurück-
ziehen, wenn sie Dein unverschuldetes Unglück erfahren."
„Ich kann die Probe nicht wagen. Isabella ist hier,
wird in nächster Zeit eine Prinzessin dieses Landes,
später sogar Königin, sie darf, sie kann diese Freund-
schaft nicht sortsetzen, ich aber will ihr jede Verlegen-
heit ersparen und deshalb gehe ich sort. Und wollte
ich auch jedes Gefühl des Stolzes bei Seite setzen und
wäre ich auch überzeugt, daß Jsabella's Freundschaft
und die Liebe meines künftigen Gatten unwandelbar-
feien — meine Pflicht ist es, die Erstere nicht in einen
Konflikt zwischen Rang und Neigung zu verwickeln, und
dem Letzteren nicht meine Familienschande aufzubürden,
die ihm vielleicht zum Hemmschuh würde für alle Zukunft."
„O, wäre Dein Vater doch nie von Amerika zurück-
gekommen."
„Dazu sage ich Amen. Dann wäre ich, zwar aus
niederer Sphäre stammend, ein unbescholtenes Mädchen,
und würde dankbar jede Liebe, jede Freundschaft in Em-
pfang nehmen, denn ohne Selbstbewußtsein bin ich nicht,
und ich weiß sehr Wohl, daß ich ein reiches, tiefes Ge-
fühl als Gegengabe in die Wage legen konnte."
„Da kommt Tante Beate," sagte Klara, als die
Gitterpsorte sich öffnete und eine sehr korpulente Dame
den Garten oetrat.
Tante Beate war die Wittwe eines Landgeistlichen,
Namens Wolf, und Bollheim's Cousine. Sie hatte ihren
Mann schon vor vielen Jahren verloren und war, als gleich
daraus Bollheim's Gattin starb, zu Letzterem iu's Haus
gezogen, um seinem Hausstande vorznstehen. Konrad
und Klara waren damals noch kleine Kinder gewesen.
Mit Liebe und Sorgfalt hatte sie sich der Erziehung
derselben hingegeben und ward denn auch mit großer
Verehrung dafür von ihnen belohnt. Tante Beate's
Humor und unverwüstliche Heiterkeit war der belebende
Sonnenschein im Hanse, in welchem der stete und tiefe
Ernst des Hausherrn sonst jede Fröhlichkeit erdrückt
Hütte. Die Grübchen in dem großen, rothen, aufge-
dunsenen Gesicht, der stets lächelnde, mit gesunden Zäh-
nen eingefaßte Mund und die kleinen schalkhaften Augen
— Alles sah so vergnügt aus und hatte eine so an-
steckende Kraft, daß, wer in die Nähe der Frau Pasto-
rin kam, bald für Augenblicke Kummer und Sorge ver-
gaß. Ja, selbst der Bankier sonnte sich bisweilen gern
in den heiteren Strahlen, die dem vergnügten Gesichte
entströmten.
Tante Beate war eine ganz kluge und gebildete Frau,
sie wurde auch von allen Hausgenossen geliebt und ver-
ehrt, trotzdem hütete sich Jeder so viel wie möglich, ihr
etwas anzuvertrauen, denn sie konnte nun einmal nichts
für sich behalten; ohne es zu wollen, platzte sie damit
heraus, oft kam nur ein halber Satz zum Vorschein,
dann merkte sie selbst, was sie gethan, und dann schlug
sie sich regelmäßig auf den „gottlosen Mund". Sie
wußte es recht gut selbst und beanspruchte auch gar kein
Vertrauen, ja, sie wehrte förmlich ab, wenn irgend Je-
mand den Anlauf nahm, ihr etwas mitzntheilen, was
nicht jeder Mensch wissen sollte, wobei sie dann aus-
rief: „Sagt mir es lieber nicht, Ihr wißt, daß ich
mich so leicht verschnappe!"
Heute nun war Tante Beate's Gesicht gegen jedes
Herkommen nichts weniger als heiter und glückstrahlend,
sondern es lag ein ganz ungewohnter Ernst ans ihren
Zügen.

Klara, die sofort diese Veränderung gewahrte, sprang
halb neugierig, halb besorgt von der Bank empor und
der sich langsam Nähernden einige Schritte entgegen
gehend, rief sie ihr zu:
„Ist Dir irgend etwas Passirt, Tante Beate? Du
machst ja ein ganz sonderbares Gesicht!"
Die Gefragte antwortete nicht daraus, sondern sagte
in einem Tone, der dem Ausdrucke ihres Gesichtes ent-
sprach :
„Du sollst zum Vater kommen, er ist in seinem
Arbeitskabinet."
„Zum Vater? Während der Comptoirstnnden?
Das ist ja seltsam! Weißt Du nicht, weshalb er mich
rufen läßt?"
„Nein, das weiß ich wirklich nicht. Vielleicht sollst
Du mit ihm eine Visite machen, die neue Equipage ist
aus zwölf Uhr bestellt."
„Aber wo denn? Doch setz' Dich erst ein wenig,
Tantchen, Du stehst ganz erschöpft aus."
Klara erfaßte die Hand der Frau Pastorin und ge-
leitete sie nach der Gartenbank, wo die alte Frau zwi-
schen den beiden jungen Mädchen Platz nahm.
Tante Beate's Gesicht nahm für einen Augenblick
wieder den alten fröhlichen Ausdruck an, und sich zu
Hermine wendend, sagte fie, mit dem Finger drohend:
„Aber was hat Ihnen der Geheimrath Broockmann
gesagt? Sie sollten nicht länger als sechzig Minuten,
keine einzige darüber, die Luft genießeu und dann wieder
in's Haus zurückgehen! Und nun sind Sie schon andert-
halb Stunden hier? Heißt das die ärztlichen Befehle
respektircn?"
„Sie haben Recht, Frau Pastorin, ich will auch so-
gleich mich entfernen, es ist hier draußen nur gar zu
schön."
„Nun sag' mir aber auch, Tante," nahm Klara
wieder das Wort, „was Dich vorhin so verstimmt hat?"
Fran Beate's Gesicht legte sich bei dieser Auffor-
derung abermals in ernste Falten und sie erwiederte in
etwas erregten: Tone:
„Vielleicht ist gar nichts d'ran, und sie haben un-
serem Diener, dem dummen Heinrich, nur etwas aufge-
bunden."
„Was denn aufgebunden? Das muß ja etwas
Schreckliches sein, Tante, das Dich so in Nage bringt!"
Beate legte ihre dicke, fleischige, sehr rothe Hand
auf Klara's Arm und sagte in fast feierlichem Ton:
„Reicht wahr, Klärchen, Du läßt Dich unter keinen
Umständen zwingen, zumal mit diesem —"
„Wozu zwingen?"
„Habe ich schon etwas gesagt? Bewahre, ich habe
gar nichts gesagt. Ich weiß von nichts. Nein!" fuhr
sie mit noch lauterer Stimme fort, „es ist ja ein Ding
der Unmöglichkeit, ein alter Mann mit grauen Haaren
und dann mit dieser —"
Sie hielt wieder inne und schlug sich auf den Mund,
sagte zwar nicht: „Da Hütte ich mich bald verschnappt,"
aber fie dachte es doch.
„Du sprichst ja in lauter Räthseln, Tante, was
haben Deine Worte zu bedeuten? — Heraus damit!
Will man mich denn zwingen zu einem Mann mit
grauen Haaren?"
„Na, das fehlte noch! Nein, der alte graue Mann
will selbst — Gott, da Hütte ich mich bald verschnappt!"
„Du machst mich ja ganz ängstlich — beste Tante,
so sag mir doch —"
„Nein, nein, nein! ich sage nichts mehr! Ich bin
auch überzeugt, der Fuchs, der Schleicher, der Diener
des Reichsgrasen hat den dummen Heinrich nur zum
Besten gehabt. Es wäre ja auch ein Ding der Un-
möglichkeit !"
„Tante!" sagte Klara, von der Bank aufspringend
und plötzlich ganz blaß geworden, „man will mich doch
nicht zwingen zu einer Heirath mit dem jungen Reichs-
grafen?"
„Hab ich das gesagt? Fräulein stolzer, ist so
etwas über meine Lippen gekommen? Ach, das ist ja
alles Gewäsch! Das ist es auch gar nicht, was mich
so verstimmt hat; denke Dir, morgen sollen wir Hals
über Kopf in die neue Villa übersiedeln, sowie wir
eingerichtet sind, soll ein großes Fest zu Ehren des
Prinzen Ferdinand und seiner jungen Braut gegeben
werden. Ach Gott, seitdem wir adelig geworden sind,
ist es eine andere Welt! Aber das steht fest, wenn
hier eine andere — dann gehe ich fort, mit dieser —
es wäre ja ein Ding der Unmöglichkeit!"
„Ich gehe zum Vater," sagte Klara kurz und eilte
mit raschen Schritten dem Hause zu.
Als sie den Korridor des ersten Stocks betrat, fragte
sie den dort anwesenden Diener Heinrich, ob der Vater
allein in seinem Zimmer sei.
Heinrich erwiederte ihr, daß soeben der Professor
Dehnhardt zum gnädigen Heren hinein gegangen sei.
„Bleiben Sie hier," sagte Klara, „bis sich der Herr
Professor entfernt hat und melden es mir dann, ich gehe
so lange in den Salon."
Der Diener machte eine sehr tiefe, aber etwas linkische
Verbeugung und das jnnge Mädchen ging mit einem
! eigenthümlich entschlossenen Schritt in ein großes reich

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dekorirtes Zimmer, wo sie sich an's Fenster setzte
und sinnend den Kopf in die Hand stützte. Wie zu-
fällig waudte sie den Blick nach der Straße und Plötz-
lich sprang sie wie elektrisirt in die Höhe, ein glückliches
Lächeln umspielte ihre Lippen und mehrere Minuten
blieb sie wie horchend stehen.
Da Llopfte es an die Zimmerthüre. Laut ries sie
„Herein" und gleich darauf trat Willibald Bernau über
die Schwelle.
Klara ging ihm lebhaften Schrittes entgegen und
ihm beide Hände darreichend, sagte sie in einem herz-
lichen Tone:
„Guten Tag, Herr Bernau, wie freut es mich, daß
Sie kommen."
Willibald ergriff die dargereichten Hände und er-
wiederte: „Guten Tag, Fräulein Klara. Sind Sie
allein? Ich habe Ihnen etwas zu sagen."
Seine Stimme klang unverkennbar gedrückt, und als
nun das junge Mädchen tu seinem Gesicht, das auf-
fallend blaß und übernächtig aussah, einen ungewohn-
ten tiefen Ernst erblickte, da rief sie ängstlich aus:
„Mein Gott, Herr Bernau, Sie sind doch nicht
krank?"
nein, liebes Fräulein, ich bin nur etwas
angegriffen, denn ich habe der Gedanken wegen, die
mein Gehirn durchwirbeln die Nacht schlaflos zugebracht."
„Was hat Ihnen denn die Ruhe geraubt?"
„Klara," fuhr Willibald etwas lauter fort, „wir
haben bisher in herzlicher Freundschaft mit einander
verkehrt, habe ich mich getäuscht, wenn ich Ihre Güte
gegen mich und Ihre liebenswürdige Vertraulichkeit für
mehr als Freundschaft gehalten habe — für Liebe?"
Klara's Gesicht wurde von dunkler Gluth übergossen,
sie schlug in holder Verlegenheit die schönen blauen
Augen nieder, hob sie aber sogleich wieder, sah Willibald
voll in's Gesicht und erwiederte:
„Ich habe längst gewußt, Bernau, daß Sie mich
lieben, und ebenso gut wissen Sie es, daß ich Sie liebe
und niemals einen Anderen lieben werde."
Sie sagte das so herzlich, so einfach, fie rückte da-
bei unbewußt den: Geliebten etwas näher und dieser
schlang zum ersten Mal, alle anderen Sorgen in diesem
höchsten Moment der Wonne vergessend, seine Arme um
die reizende Sylphengestalt und drückte den ersten Kuß,
einen langen unendlichen Kuß auf die rothen, schwellen-
den, jugendlichen Lippen.
Hatte Willibald, als er den Salon betrat, die Thüre
nicht wieder geschlossen, oder war dieselbe hinter dem er-
regten Liebespaar leise geöffnet worden? Genug, durch
eine schmale Ritze sahen verwundert die Augen des dummen
Heinrich auf die sich umschlungen haltenden glücklichen
jungen Liebenden, und seinen großen Mund grinsend in
die Breite ziehend, murmelte er vor sich hin:
„Das wird den Diener des Reichsgrafen, den Joseph,
interessiren, da gibt er wieder den schönen Burgunder
zum Besten und ein Goldstück lohnt's vielleicht außer-
dem."
„Ich hab's gewußt, mein süßes Lieb," sagte Willi-
bald, nachdem sich ihre Arme gelöst. Sie hatten keine
Ahnung, daß sie beobachtet worden waren, und nachdem
die Umarmung noch einmal wiederholt war, gingen sie
zu einem Eckdivan, wo sie in: Flüstertöne, wie es Lie-
bende immer zu thnn Pflegen, weiter sprachen und wo-
von der dumme Heinrich zu seinen: Leidwesen kein Wort
verstand.
„Du liebst mich also wirklich und wahrhaftig, innig
und treu, Klara?" begann Willibald hier.
„Ich liebe Dich! Darin liegt Alles, die Fülle
meines Glücks, die Hoffnung auf die Zukunft — darin
liegt der Muth, den Kampf gegen die ganze Welt aus-
znnehmen, darin liegt die Kraft, den Kampf siegreich
zu bestehen."
„Du liebes Mädchen! Und Du würdest zu mir
stehen in Noth und Gefahr und Tod? Und würdest
mir treu bleiben und warten, bis ich Dir eine Existenz
zu bieten habe, treu bleiben, auch wenn die glänzendsten
Aussichten verlockend sich Dir nahet:?"
„Treu, Willibald, bis in den Tod."
„Ich bin arm, und was ich Dir zu bieten habe, ist
nur ein bescheidenes Loos."
„Du bist nicht arm, Du bist reich, ach so reich an
Schützen des Herzens, und Dein Wissen gewährt uns,
was wir zum Leben brauchen."
„So würdest Du in bescheidenen Verhältnissen Dich
glücklich und zufrieden fühlen?"
„An Deiner Seite dünkte ich mich eine Königin
und wenn wir nichts weiter hätten als trockenes Brod."
„Aber noch Eins gebe ich Dir zu bedeuten, Klara.
Ich habe Dir früher einnull gesagt, daß ich über meinen
verstorbenen Vater bis jetzt nichts habe erfahren können,
daß ich nicht einmal weiß, was er gewesen und wo er
gelebt hat, daß meine Mntter mich bis jetzt absichtlich
über ihn in Unkenntniß gelassen. Heute Abend nnn
soll nur darüber von anderer Seite volle Aufklärung
gegeben werden. Wenn sich nun meine sorgenvollen Ver-
muthnngen bestätigen, wenn ich erführe, daß mein Vater
kein —'gnter Mensch, daß er vielleicht sogar ein Ver-
brecher gewesen, ein Verlorener, ein Ausgestoßener
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