Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

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Liebe für Hak.

N oman
von
Ariedrick Ariedrich.
(FovNekiuia.)
" (Nachdruck verboten.)
n diesem Augenblicke trat Christine, durch
den lauten Wortwechsel gernsen, vor das Haus.
„Was geht hier vor?" fragte sie.
„Christine, ich muß Sie nothwendig
sprechen und Ihr Sohn weigerte sich, Ihnen
dies zu sagen," sprach Schlobig, ehe Philipp antworten
konnte.
„Ich habe ihm gesagt, daß Du unwohl seiest," siel
Philipp ein.
„Und ich habe dies nicht geglaubt, da


Schlobig's Ange war die Blässe in Christinens Ge-
sicht nicht entgangen, und er wußte, woher dieselbe kam.
Die Mittheilung über ihren Sohn hatte sie in diesen
Zustand der Aufregung uud des Bangens versetzt und
ihn beschloß er zu benützen, um seiu Ziel zu erreicheu.
Mitleid hatte er uie gekauut, uud es war ihm auch gleich-
giltig, durch welches Mittel er am Ziele anlangte.
„Sie haben mich gesehen, als ich kam," bemerkte
Schlobig.
„Ja," gab Christine ruhig zur Antwort.
„Und doch sind Sie in's Haus gegangen?"
„Weil ich mich sehr angegriffen fühlte."
„Sie wollten mir ausweichen, damit stimmt ganz
die dreiste Weise überein, mit der mich Ihr Sohn zn-
rückzuhalten suchte. Hat er mir doch gesagt, daß ich
fortbleiben möge, als wenn ich ein Bettler wäre, der an

die Thüre pocht. Ich bin nicht gewöhnt, daß man mir
in der Weise entgegentritt."
„Ich habe Philipp nichts gesagt, er hat es nur ans
Besorgniß für mich gethan," warf Christine beruhigend ein.
„Er scheint es doch ans Ihrem Munde gehört zu
haben, daß ich Ihnen nicht willkommen bin."
„Ich habe ihm nichts gesagt."
„Dann sagen Sie ihm, daß er künftig artiger gegen
mich ist," fuhr Schlobig mit einem fast befehlenden Tone
fort. „Haha! Es würde ihm nicht besonders viel Freude
bereiten, wenn ich erzählen wollte, daß sein Vater ein
Mörder gewesen ist, denn Mancher würde ihn doch mit
anderen Äugen betrachten."
„Halten Sie ein!" rief Christine, über diese Worte
erschreckt. „Sie können nicht so herzlos handeln. Trifft
ihn eine Schuld für das, was sein Vater gethan hat?
Ohne Schuld haben meine Kinder bereits

ich gesehen hatte, daß Sie vor der Thüre
saßen, als ich kam," fuhr Schlobig fort.
„Ich bin auch unwohl," sprach Chri-
stine, und die Blässe ihrer Wangen be-
stätigte ihre Worte. Sie hatte seit dem
Tage, an dein Schlobig ihr mitgethcilt,
daß Düringer's Sohn ihr Kind sei, wenig
Rühe gesunden, Freude und Angst hatten
sie in wunderbarer Mischung in fortwäh-
render Aufregung erhalten. Schlobig's
Besuchen hatte sie stets mit Bangen Ent-
gegen gesehen.
„Ich mnß Sie sprechen," fuhr Schlobig
fort. „So unwohl sind Sie nicht, daß
Sie mich nicht anhören könnten; ich habe
freilich schon Wahrgenomnien, daß ich hier
nicht willkommen bin...!"
„Dann hätten Sie sortbleiben sollen!"
rief Philipp, über Schlobig's dreistes Wesen
empört.
Schlobig's Auge zuckte und warf einen
Blick des Hasses auf den jungen Mann.
„Philipp, ich bitte Dich, laß uns kurze
Zeit allein," sprach Christine, Schlobig
zuvorkommend, und ihren Worten fügte
sich der Sohn, wenn auch ungern. „Was
haben Sie mir zu sagen?" wandte sie
sich dann mit leise bebender Stimme an
den vor ihr Stehenden.
„Richt hier," entgegnete Schlobig finster.
„Es ist nicht nöthig, daß wir belauscht wer-
den, und ich glaube, es Paßt auch für andere
Ohren nicht, was ich Ihnen mitzntheilen
habe."
Ein Seufzer rang sich ans der Brust
der Frau.
„Dann kommen Sie in das Haus,"
sprach sie und schritt voran in ihr Wohn-
zimmer.
„Sind wir hier unbelauscht?" fragte
Schlobig, indem er den Blick prüfend
durch das Zimmer schweifen ließ.
„Wir sind es," gab Christine, sich er-
schöpft niedersetzend, zur Antwort.

Bcncdctto Cniroli, iinliciipchcr Ministerpräsident.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 487.)


schwer genug dadurch gelitten, weil ihre
erste Jugend eine freudenleere war."
Schlobig setzte sich ihr gegenüber.
„Haben Sie sich nun überzeugt, daß
Düringer's Sohn Ihr Sohn ist?" fragte
Schlobig.
Die Frau schüttelte verneinend mit dem
Kopfe.
„Weshalb nicht?"
„Ich fühlte, daß ich nicht die Kraft
dazu hatte!"
„Sie können ihm doch kein besseres Loos
wünschen?"
„Ich wünsche ihm kein besseres," wieder-
holte Christine. „Ich freue mich darüber,
allem halten Sie es für so leicht, daß
eine Mutter ihr Herz beherrscht, wenn sie
ihr Kind nach so langen Jahren wieder
sieht, könnte mich nicht eine Erregung er-
fassen, die mich hinrisse und ihm Alles
verriethe?"
„Nun, und wenn dies geschähe?" warf
Schlobig ein.
„Nein, es darf nicht geschehen, nie —
nie!" ries Christine erregt. „Ich habe kein
Recht mehr an ihn, ich darf fein Glück,
welches ich nicht gegründet habe, nicht
vernichten, ich darf die Liebe Derer, die
ihn als ihr Kind erzogen haben, nicht
erschüttern, eher werde ich entsagen ihn
je wieder zu feheu, so sehr mein Herz auch
dazu drängt, so Viel ich Tag und Nacht
mich mit ihm beschäftige und mir ein
Bild von ihm zu machen suche."
„Sie brauchen nicht mit ihm zu sprechen,
Sie sollen ihn nur sehen, um in seinem
Gesichte sofort Rode's Züge zu erkennen
uud sich zu überzeugeu, daß ich die Wahr-
heit gesprochen habe."
„Für mich wäre es besser gewesen, wenn
Sie mir nie ein Wort über ihn gesagt
hätten," fuhr Christine fort. „Ich lebte
im Frieden mit meinen Kindern rind mir,
ich fühlte mich glücklich. Was vor Jahren.
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