Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

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Sie hier diese Gallerie mit der Wendelstiegc am Ende,
die nach Außen führt — hier die Kommunikation mit
meinen Zimmern — hier der alte Bibliotheksaal mit dem
Kamin..."
„Sie haben Recht," fiel der Geheimrath betroffen ein,
„es ist das ein Stück von Hans Bellersheim, wie Je-
mand, der es einmal durchschritten hat, es sich ungefähr
aus der Erinnerung auszeichnen kann..."
Die beiden alten Herren sahen sich mit sehr über¬

raschten Mienen an.
„Ueber Ihren grauen
keinen Zweifel mehr zu
Heimrath.

Waldgänger brauchen wir jetzt
hegen," sagte dann der Ge-
„Jn der Thal kaum," ver-
setzte der Baron. „Aber ich
gestehe Ihnen, daß dies Alles
mich doch so betroffen macht,
daß ich mich wahrhaftig nach
einem Menschen sehnen könnte,
der mir sonst nicht just zu sym-
pathisch ist, um mir bei der
Deutung von dem Allen, bei
der Erklärung, was nnr dieser
Branco — so nannten Sie
itm ja — eigentlich gewollt
hat, beizustehen!"
„Und wer ist das, dieser
Mensch, nach dem Sie sich
sehnen?"
„Spesser."
„Spesfer? Weiß der mehr
als Nur Anderen?"
„Er kombinirt schlauer,
und wo er nichts weiß, da
spürt er. Sie glauben nicht,
welche Kombinationen er da-
mals, als Bertha ihr Haus
uicht verlassen mochte, daran
zu knüpfen verstand."
„Waren Sie richtig?"
„Nein — aber..."
„Nun, so sehnen wir uns
mcht nach ihm, er ist ein un-
angenehmer Gesell."
„Wohl wahr; wir stoßen
hier jedoch auf einen offen-
baren Zusammenhang zwi-
schen meinen Erscheinungen
und dem Merk'schen Hause.
Denn was in jenen Worten
da gesagt ist, bezieht sich doch
offenbar ans Gottfried Merk,
meinen Geschäftsführer! Und
da wünscht' ich mir denn
doch in der Lyat Jemand,
der scharfsichtiger ist als ich,
zur Erklärung herbei!"
„Wollen Sie mit llVertha
darüber reden?"
Der Baron schüttelte den
Kopf.

Sertha' s Geheimnis
R oman
von
Levitt Schttcking.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
er Baron lächelte zu diesen Ausführungen
des Regierungsrathes, dann warf er ein:
„Und deutet in dieser Handschrift etwas
auf Verrücktheit nach Ihrem System? Atif
den Verfolgungswahnsinn, von dem der
Bauer geredet hat?"
„Sehr viel.
Diese wie Raketen in die Luft
fahrenden und hoch über den
Zeilen zerplatzenden Schnör-
kel macht kein gesunder Kopf,
kein verständig an sich halten-
der Mensch; und dann ist
auch das Charakteristische für
die Handschrift gestörter Köpfe
da . . ."
„Und was ist das?"
„Das ist diese Art, die
Worte in ihre Buchstaben-
bestandtheile aufgelöst zu
schreiben, sie bald nervös zu
kritzeln, wie eine Dornenhecke
dicht durch einander zu schie¬
ben, bald ohne Verbindungs-
strich unter einander zn lassen
und zu trennen, so daß die
einzelnen Buchstaben unge¬
sellig und verdrossen neben
einander stehen, als ob sie
sich in ihrer Feindseligkeit
nicht die Hand geben woll¬
ten. Ein verständiger Mensch
läßt sie mit einander ver-
bunden sich zum Organis¬
mus des Wortes die Hand
geben, in einander übergehen."
„Ihre Schristknnde in
Ehren," rief hier der Baron,
der mit den Augen den Zei-
len eines der beschriebenen
Notizblätter gefolgt war, ans,
„hier finde ich eine Notiz, die
uns doch mehr sagt, als alle
diese Ihre Deutungen. Sehen
Sie hier!"
Der Geheimrath las die
Stelle, auf welche der Baron
mit dem Finger deutete, und
fand die flüchtig eingeschrie-
benen Worte:
„Geschäftsführer feit dem
Jahre 1852. Damals ohne
Vermögen. Jetzt wohlhabend,
hier zu Lande reich genannt.

Wodurch? Der Baron vertraut ihm Alles. Kauu thuu,
was ihm gut dünkt. Kontrole nicht da. Mein Bauer
sagt -"
Hier hörte die Aufzeichnung auf, statt weiterer Worte
folgten auf deni Nest des Papierblattes allerlei genialte
Buchstaben, wie sie ein in Sinnen und Träumen ver-
fallender Mensch macht, große B., große M. und allerlei
Schnörkeleien.
Der Geheimrath schlug kopfschüttelnd das Blatt um
und nun fand sich auf der Rückseite gar etwas wie eine
Skizze vom Grundrisse eines Gebündes.
„Das scheint ja nichts Anderes," ries der Baron aus,
„als ein ungefährer Grundriß von Bellersheim — sehen

Graf Schuwaloff, russischer Botschafter am englischen Hase. (S. 5)9.)
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