Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

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O i e

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Zeitungs-
denselben

wilde
R o m

Mnric Geistin^rv. Nach ciiv:r Photographie gezeichnet von 6.

Heinze ß.
an
von
Tr art K ar t m a n u -Hllö n.
(avNschung.) (Nachdruck verboten.)
a:igsam gittg Frau Bernau weiter durch die
Wege des Gartens, aber die Gedanken, die
sie bannen wollte, ließen sich heute uicht
zwingen- immer uud immer wieder eilten sie
aus denselben Gegenstand zurück.
In diesem Augenblick trat ein kleiner alter Alaun
mit einen: runzeligen Gesicht und Weißen Haaren,
wie es schien in großer Aufregung aus der Haus-
thüre unter die Veranda. Er hatte ein
blatt in der Hand und setzte sich damit aus
Platz, den Frau Bernau vorhin verlassen.
Er spähte ausmerksam umher und als er
Letztere am anderen Ende der Insel erblickte,
druckte er die Brille fester an die Augen
und starrte in dasZeitungsblatt hinein.
„Da stehts," rief er saft laut, „ich habe
mich in dem dunkeln Zimmer doch nicht
versehen. Aber es ist ja gar nicht möglich,
es muß ein Jrrthum feind"
Nu:: las er es zum dritten Mal: „Am
Freitag findet die feierliche Verlobung des
Prinzen Ferdinand mit der Reichsgräfin
Isabella Felseck v. Felsenheim statt. Aber-
Isabella ist ja todt, und die andere Linie
Felseck heißt nicht Felsenheim, sondern Wald-
hausen, und der einzige Repräsentant hat
keine Töchter, sondern nur Söhne. Also
muß die Redaktion ganz falsch berichtet sein.
Aber wie an aller Welt kommt sie nur auf
diesen Rainen?
„Himmel!" stieß der alte Mann plötz-
lich heraus und sprang von seinem Sitz
empor. „Welch' ein Gedanke kommt mir
da! Mir schrieb damals ein mir unbe-
kannter Mann im Auftrage der alten Reichs-
gräfin, ich möge der geschiedenen Fran ihres
Sohnes die Mittheilnng machen, daß ihre
Tochter Isabella gestorben sei. Wie, wäre
es denkbar, daß man der armen geschiede-
nen Frau diese Todesnachricht nur'geschickt,
damit sie niemals irgend einen Annähe-
rungsversuch an das von ihr geborene Kind
unternehmen möge? Das wäre ja infam!
Aber nein, nein! meine Muthmaßung führt
mich zu weit, wie komme ich nur gleich auf
das Allerunwahrscheinlichste, das wäre ja
— Ach," unterbrach er sich, als es Plötz-
lich an der Brücke ungewöhnlich laut schellte,
„wer kommt denn da? Es kann doch noch
nicht der Willibald sein?"
Er drückte abermals die Brille fester an
die Augen, und nachdem er wenige Sekun-
den scharf nach der Eingangspforte hingc-
schaut, sprang er hastig empor, setzte seine

siebenzigjührigen Beine in Bewegung und lief mit jugend-
licher Geschwindigkeit der Brücke zu, in gedrücktem,
ängstlichem Tone vor sich hin murmelnd:
„Das ist der Geheimerath — zu dieser ungewöhn-
lichen Zeit -- o, wenn sein Kommen nur etwas Gutes
zu bedeuten hat!"
Mit zitternden Händen öffnete er die Pforte, und
nachdem der Obermedicinalrath hindurch getreten, vergaß
er zum ersten Mal, so lange er aus der Insel wohnte,
dieselbe wieder zu schließen. Er sah dem Arzte gespannt
in's Gesicht und sagte:
„Ist etwas geschehen?"
„Wo ist Frau Bernau?"
„Da kommt sic schon. Ist Isabella —?"
„Herr Gott, Sie wissen schon, Doktor?"
„Ich las soeben in der Zeitung —"
„Weiß auch sie es?"

„Nein, noch nicht."
„Broockmann," rief fchon von Weitem die mit ra-
schen Schritten sich nähernde Frau Bernau den: Neu-
angekommenen zu, „Sie sind allein. — Ist Willibald —
hat Willibald sein Examen nicht bestanden?^
„Gott bewahre, verehrte Freundin," erwiederte der
Geheimrath, der schönen stolzen Frau mit den ehrwür-
digen Weißen Locken einige Schritte entgegen gehend
und ihr daraus die Hand reichend, „was denken Sie
denn? Dem Jungen ist der höchste Charakter gewiß,
das weiß ich bestimmt. Ich fuhr hier zufällig vorbei,
und da wollte ich doch einige Minuten —"
„Zufällig, Herr Geheimrath? Nein, nein! Ich
habe es gelernt, in Ihrem Gesicht zu lesen — Sie kom-
men nicht zufällig, Sie haben etwas auf den: Herzen -
was ist's? Ist irgend etwas Anderes mit Willi—?"
Ein ziemlich starker Donnerschlag verhinderte für einen
Augenblick die Fortsetzung der Unterhaltung.
Schwere, unheimliche Wolken hingen über
der Insel und drohten vielleicht schon in
der nächsten Minute ihre Schleusen zu
öffnen. Die Blumen auf den Beeten zitterten
ängstlich bei diesem ernsten Donnerwort,
die Vögel hatten sich in ihre Schlupfwinkel
verkrochen, nur ein großer Rabe, der aus
der höchsten Spitze des Baumes, unter dem
Frau Bernau und die beiden Herren standen
— es war ein alter Birnbaum, der höchste
Baum der Insel — aufgeregt die Flügel
schlug, ließ rasch nach einander heisere
Warnungsrufe ertönen, als wenn er hätte
sagen wollen: „Geht in's Haus, geht in's
Hans, unter diesem Baume ist es nicht
geheuer!"
„lieber Willibald brauchen Sie sich nicht
zu beunruhigen," sagte Broockmann, als
der Himmel schwieg, „aber lassen Sie uns
in's Haus gehen, es fallen schon einige
Tropfen."
Langsam wanderten die Drei der Woh-
nung zn. Der Rabe stieß einen lang an-
haltenden Jubelrnf aus, breitete die Flügel
ans und flog nach dem Walde, der jenseit
der Chaussee lag.
„Sie haben ganz Recht, liebe Freundin,"
fuhr der alte Arzt im Weitergehen fort,
„wenn Sie in meinen: Gesicht gelesen, daß
mein Kommen kein zufälliges war, daß ich
etwas auf dem Herzen habe."
„Wenn es nicht meinen Sohn betrifft,
wen betrifft es denn?"
„Zunächst andere Personen, durch diese
aber in hervorragender Weise auch Sie."
„Mich?"
„Ich habe eiu sehr wichtiges, sehr ernstes
Anliegen an Sie, Fran Bernau — kommen
Sie mit, Doktor Fabrieius, Sie sind in
alle Verhältnisse eingeweiht, besser noch
als ich — vereinigen Sie Ihre Bitten mit
den meinen —"
i „Ans daß ich ans meiner Verschollenheit
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