Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

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seine Zeit


n

Mit großer Spannung näherte er sieh dem Mo-
nument und bemerkte denn auch sogleich im Zwielicht
eine Gestalt, die auf der untersten Stufe des Sockels
saß und die sich erhob, als er auf dieselbe zuschritt.
„Sie sind Pünktlich, Herr Bernau," redete der Un-
bekannte ihn an, „lind wäre es hier nicht so dunkel,
würden Sie erkennen, daß ich derselbe bin, der vor zwei
Stunden schon das Geheimniß ihrer Geburt öffentlich
proklamirt hat. Daß mein Arbeiteranzug nur eine
Maske ist, versteht sich Vene selbst, und Sie werden mich
nie, sollten fernere Zusammenkünfte nothwendig werden,
anders als in dieser erblicken, denn mein Name und
meine Person müssen durchaus in: Hintergründe bleiben
und zwar deshalb, weil ich mit den früheren Verhält-
nissen sehr eng verflochten, und ich will es auch offen ein-
gestehen, selbst nicht ohne Schuld bin. Daß ich vorhin

den Zufall ergriff und in der Weise bemühte, war ledig-
lich ein kleines Vorspiel meiner Rache gegen die Prin-
zessin Elfride und ihr Erbleichen war schon ein Triumph
für mich! — Hatte man," fuhr er gleich daraus fort,
„Sie wirklich bis dahin in vollständiger Dunkelheit
über Ihre Geburt gelassen?"
„Ja, durchaus."
„Es ist begreiflich, wenn man den Stolz der Reichs-
gräfin Konradine kennt, und doch wieder unbegreiflich,
da sie unzweifelhaft mit Leichtigkeit Nachweisen könnte,
daß Sie der wirkliche Sohn ihres Gemahls und der
nächste Erbe von Felsenheim sind. Nun, einerlei, es
fragt sich hier nur, ob Sie jetzt geneigt sind, Ihre An-
sprüche geltend zu machen?"
„Das bin ich."
„Sie würden Ihren Prozeß auch unfehlbar gewinnen,
sowie Sie Ihren Geburtsschein den Ge-
richten offerirten. Aber ein Prozeß, na-
mentlich ein solcher, in welchem die Gegen-
partei Alles anfbieten wird, sich im Besitz
zu erhalten, kann sich in die Länge
ziehen; Chikanen und Unannehmlichkeiten
aller Art können Ihnen das Leben vor-
läufig unerträglich machen — dies Alles
können Sie vermeiden und nut einem
Schlage zur unantastbaren Anerkennung
gelangen, wenn ich Ihnen ein Geheimniß
verrathe, das die Reichsgräfin Felseck,
geborne Prinzessin Weldeck, umgibt. Es
ist dies ein Geheimniß, von dem sie bis
zur Stunde selbst keine Ahnung hat, eine
Sache, in die ich sie hineingetrieben, weil
sich eben kein anderer Ausweg finden ließ,
weil ich nicht anders konnte, da das, was
sie absolut erreichen wollte, auf dem ge-
raden Wege nicht zu erreichen war. Es
ist dies ein Umstand, der für Sie jetzt
von der höchsten Wichtigkeit ist!"
„Und dies Geheimniß?"
„Ich ersuche, mich gefälligst erst zu
Ende sprechen zu lassen, denn ich habe
Ihnen noch mehr zu sagen. Wenn Sie
also von der Vergangenheit Ihrer Frau
Blutter nichts gewußt haben, so ist Jchnen
natürlich auch der Grund nicht bekannt,
weshalb sie von ihrem Gemahl geschieden
wurde."
„Nein."
„Die Prinzessin Weldeck wollte Reichs-
gräfin Felseck werden. In dem Privat-
sekretär Ihrer Frau Blutter, Namens
Rosenberg, wurde das gefügige Werkzeug
gefunden, die eingefüdelte Jntrigne glück-
lich zu Ende zu führen. Durch eine be-
deutende Summe gewonnen, spielte er so
geschickt den Liebhaber der Reichsgräsin
Konradine, daß ans Letztere, ohne daß sie
das Geringste davon ahnte, der Schein
eines Einverständnisses mit ihm siel, und
den Ihr verstorbener Herr Vater sofort
benutzte, da er bereits in den Banden der

Professor Anton v. Werner, Direktor der Kunstakademie in Berkin.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. sS. 190.>

wilde Prinzeß.
N o in a n
von
Kart Kartmann-H-llött.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
das Rendez-Vons um els Uhr denkend,
fügte Willibald hinzu: „Vielleicht gelingt
es mir, noch ganz besondere Entdeckungen
zu machen."
„Ich kann in diesem Augenblicke darüber
noch nichts sagen," erwiedertc Frau Kon-
radine, „das erfordert Ueberlegnng und Nachdenken, auch
muß ich erst mit Broockmann mich berathen. Ich er-
suche Dich, ihn zu bitten, morgen, wenn's
erlaubt, zu mir hinaus zu kommen. —
Ich sehne mich nach Ruhe," fuhr sie
sort, „wir sind herein gegangen und ich
möchte wieder hinausfahren, denn ich sichle
mich angegriffen. Sollte eine Droschke
zu haben sein?"
„Ich werde sogleich selbst eine besorgen.
Auf dem Domplatz ist eine Station, der
Schwarm hat sich hier verlaufen, ihr werdet
ohne Schwierigkeit einsteigen können."
Willibald entfernte sich und kam rasch
mit einer Droschke zurück.
Mutter und Sohn nahmen einen herz-
lichen Abschied und Doktor Fabrieius fuhr
mit seiner Freundin davon. —
Das fürstliche Brautpaar war iws
Schloß zurückgckehrt, eine Zeit lang noch
wogte nach wie vor die Menschenmasse
auf den Gassen, strahlte die Stadt im
hellsten Lichterglanze, bis sich mit dem
allmähligen Erlöschen der vielen Flammen
auch das Publikum mehr und mehr verlor.
Als sieh nm die elfte Stunde Willibald
Bernau dem Schillerplatze näherte, aus
denk die Statue des großen Dichters in-
mitten schöner Anlagen und dichter Bas-
kets stand, da konnte man hier von einer
stattgehabten Illumination schenk nichts
mehr entdecken. Es war zwischen den
Bäumen und Gesträuchen ziemlich dunkel,
nur ein ungewisser Schimmer drang von
den Gasflammen der nächsten Straßen
herüber.
Was er hier erfahren sollte, eine Auf-
klärung über seine Abstammung, das hatte
in seinen Hanptgrnndzügen ein rüthsel-
haster Arbeiter bei dem Unglückssall seiner
Blutter schon verrathen. Aber die nächsten
Umstände waren ihm noch nicht bekannt
und vor allen Dingen hoffte er in den
Mittheilungen des anonymen Briefstellers
einen Anhaltspunkt zu gewinnen, der ihm
die Wege anweisen könne, die er zu be-
treten habe, um die Beweise für die Un-
schuld seiner Blutter herbeizuschafsen.
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