Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 13.1878

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-kst 14.

zurückdenken, Ivo der Roman begonnen, in den er plötz-
lich hineingerissen worden, der ihm fast das Leben ge-
kostet, an jenen Abend, wo er die Schwester aus den
Händen des Bruders befreit.
Und nnn ging er in dasselbe alte Haus, um den
Abschluß dieses Romans einzuleiten, der nur mit der
öffentlichen Ehrenerklärung seiner Mntter enden durfte.
Hier wohnte der Mann, der ganz allein im Stande
war, diese Ehrenerklärung abzugeöen, denn die Beweise,
die die Gräfin Konradine mit einem Schlage reinigen
konnten, waren gegenstandslos, da ein Schwur fie zwang,
dieselben unbenutzt zu lassen.
Wenn nnn dieser Mann sich weigerte, das zu thun,
was Herr v. Lettow in seinem Namen versprochen hatte!
Und war nach dem Verrath des Letzteren jetzt nicht
Alles möglich? O, dann waren mit einem Male wie-
der alle Hoffnungen zerstört und seine arme Mutter
auf's Neue grenzenlos unglücklich.
Beklommen klopfte er an die Thür Rosenberg's. Ein
dumpfes „Herein" ertönte, und als Willibald in's Zimmer
trat, da erblickte er auf dem Sopha sitzend den Mann,
den er damals schon flüchtig gesehen in dem Augenblick,
als er die brennende Lampe auf den Flur hinauswarf
und dabei ausrief: „Der Kalifornien! Der Kalifornien!"
Rosenberg sah Willibald mit halb blödsinnigen Augen
an, als dieser über die Schwelle trat, und sein rothes
aufgedunsenes Gesicht und eine große Flasche mit einer
wasserklaren Flüssigkeit, sowie der charakteristische Geruch,
der dem Gast entgegenströmte, verriethen hinlänglich,
in welchem Zustande der Besitzer des Zimmers sich be-
fand und welcher Beschäftigung er sich in diesem Augen-
blick hingab.
„Entschuldigen Sie, Herr Rosenberg," begann Willi-
bald, nachdem er die Thüre geschlossen, „wenn ich mir
erlaube, Sie —"
„Ich heiße Stolzer," unterbrach ihn der halb Be-
rauschte.
„Nun Wohl, Herr Stölzer. Ich bin der Reichsgraf
Willibald v. Felseck, und Sie werden durch Herrn
v. Lettow erfahren haben —"
„Alles Schwindel, alles Schwindel!" ries Rosenberg
mit lauter, heiserer Stimme.
„Wieso Schwindel?"
„Ich weiß Alles. Sie wollen mich in eine Falle
locken, aber ich bin nicht so dumm, hineinzugehen. Geben
Sie sich gar keine Mühe, ich thue es doch nicht. Herr
v. Lettow hat mich auf Ihren Besuch schon vorbereitet,
er hat nur ausdrücklich besohlen, wenn ein Mensch
käme, der sich Reichsgraf Willibald v. Felseck nenne,
so solle ich nichts aussagen, ihm nichts verrathen, durch
keine Finten mich übertölpeln lassen, und wenn man
mir noch so viel blankes Geld versprechen würde. Jede
Summe, die man mir bietet, wird Herr v. Lettow ver-
doppeln, wenn ich schweige."
„Der Betrüger!" stieß Willibald empört hervor.
„Aber Herr v. Lettow hat mich ja selbst an Sie ver-
wiesen, Herr Stölzer."
„Machen Sie keine Geschichten, ich gehorche nur
meines Freundes Befehlen, so lange der mir keine Gegen-
ordre gibt — "
„So wissen Sie noch nicht, daß Herr v. Lettow
todt ist?"
„Todt? Hahaha! Die Finte war zu grob, mein Herr."
„Er ist ermordet, draußen im Walde, schon vor-
acht Tagen."
„Sie thun mir leid, wenn Sie erwarten, mich mit
solchen Märchen düpiren zu können."
„Aber es ist kein Märchen, ich gebe Ihnen mein
Wort darauf!"
„Sein Wort kann man leicht geben, das ist eine
Kleinigkeit."
„So denken Sie vielleicht, aber ich nicht!" sagte
Willibald entrüstet.
„Oockckam! so hören Sie endlich auf!"
„Bedenken Sie doch, Herr Stolzer, es handelt sich
nm die Ehre meiner Mutter, Sie allein sind fähig, sie
wieder herzustellen."
„Ganz recht, gerade so, hat mir Herr v. Lettow ge-
sagt, würden Sie Ihre Rede beginnen — ersparen Sie
sich die Fortsetzung!"
„Ich beschwöre Sie —"
„Kurz uud gut, ich will nichts w'eiter hören und
dort ist die Thür. Ich begreife wirklich nicht, wie Sie
mich für so dumm halten können!"
Ein sonderbares Grinsen begleitete seine letzten Worte.
Willibald sah ein, daß von diesem Trunkenbold
nichts zu erreichen sein würde, Herr v. Lettow hatte
ihn verräterischer Weise ans sein Kommen und sogar
ans das, was er sagen könnte, für seine Pläne so vor-
trefflich vorbereitet, daß alle Mühe, ihn zu gewinueu,
vergeblich war.
Niedergeschlagen rind traurig verließ Willibald das
alte Kloster und kehrte in seine Wohnung zurück. Hier
warf er sich auf einen Stuhl und versank in tiefes
Sinnen.
„Was nun?" sprach er nach einiger Zeit. „Die
letzte Hoffnung ist dahingesnnken, und wenn ich auch uoch
einmal zu ihm gehe, es wird ebenso vergeblich sein."

Das Buch für Alle.
„Wenn ich nur eine Ahnung hätte," fnhr er nach
einer Pause fort, „welcher Art die Beweise wäreu, die
meine Mutter ausbewahrt, mit denen sie sofort alle
Zweifel lösen kann? O, ich habe Wohl gehört, als
mich der Blitz getroffen und ich betäubt auf dem Flur-
staud, daß die Mutter sagte, sie lägen iu ihrem Sekretär,
aber sie habe geschworen, das Geheimniß nie zu ver-
rathen! Diese Schriften, die ihre Unschuld zu bezeugen
im Stande find, können sie doch nicht selbst kompromit-
tiren, also müssen sie einen Anderen kompromittiren.
Und diesem Anderen hat fie wahrscheinlich den Eid ge-
leistet. Wer kann das sein? Wer sollte dadurch geschout
werden? Rosenberg selbst? Aber das ist doch nicht Wohl
möglich, da er einen so schwarzen Verrath an seiner
Herrin begangen. Wie kam er überhaupt in den Dienst
meiner Mntter? War das schon ein Akt der Pietät gegen
einen Anderen, daß sie ihn bei sich ausnahm? Denn
Pietät gegen irgend Jemanden war es doch unzweifel-
haft, daß sie diesen! Menschen Alles hingehen ließ, sogar
den vermeintlichen Mord ihres Kindes. Sollte er ein
Verwandter ihres Hauses gewesen sein, vielleicht — ?
„Mein Gott!" rief er aus, „wenn Rosenberg ein
Verwandter meiner Mutter, wenn er ihr — Bruder
wäre, und sie Hütte ihrem sterbenden Vater geschworen,
von dein Dasein dieses illegitimen Sohnes nie ein Wort
zu verrathen? Ja, gewiß, so kann es, so wird es viel-
leicht sein! Das ist die einzige Lösung dieses Räthsels!
Wenn sie beweisen könnte, daß Rosenberg ihr Bruder,
so siele ja die Beschuldigung, daß sie ein Liebesverhältniß
mit ihm gehabt habe, von selbst in sich zusammen!
Aber sollte Rosenberg nichts von seiner Abstammung
erfahren baben? Denn hätte er es gewußt, würde er
doch nicht eine solche Jntrigue gegen die eigene Schwester
eingeleitet haben? Es wäre doch immerhin auch mög-
lich, daß der Vater, aus zu großer Furcht vor öffent-
licher Schande, Vorkehrungen getroffen, daß dem Knaben
feine Abstammung ein Geheimniß blieb und daß die
väterliche Liebe ihn doch nicht aus dem Auge gelassen
uud bei seinem Tode die Sorge für ihn feiner Tochter-
übertragen hat. O, wenn das so wahr wäre, wie ich
es vermuthe, wie um so viel schwerer noch hast Du,
arme Mutter, Dem Schicksal dauu getragen!
„Aber es ist ja nur noch Alles Vermnthung, Gewiß-
heit würde nur noch das Kirchenprotokoll in Rosenberg's
Geburtsort geben. Aber wo ist er geboren? Das muß
ich meiner Mutter mit List abfragen, alles Andere würde
sie doch nie gestehen."
Willibald sprang auf.
„Ich will sogleich zu ihr hinaus," rief er laut,
„und habe ich es erfahren, dann mit dem nächsten Zuge
von dannen!"
Er verließ abermals das Hans, bestieg eine Droschke
und fuhr nach der Schwancniusel.
Frau Konradine, Hermine und Doktor Fabricius
waren sehr erstaunt, als sie Willibald sahen und mach-
ten ihm Vorwürfe, daß er mit seiner Wunde sich schon
der Luft ausgesetzt.
Er beruhigte sie mit der Versicherung, daß sie fast
geheilt sei, und sagte:
„Es wird endlich Zeit, liebe Mama, daß Nur uuseru
Prozeß beginnen. Die Ungeduld hat mich schon fast
verzehrt. Ich komme deshalb zu Dir, um iu Bezug
Rosenberg's mir noch einige Auskunft zu erbitten. Wie
lange war er vor Deiner Scheidung als Sekretär im
Schloß?"
„Vier Wochen."
„Wo war er vor der Zeit gewesen?"
„In Heidelberg. Er war dort Student, hatte aber
kein Colleg besucht uud war wegeu schlechter Streiche
relegirt wordeu."
„Uud wie kam er zu Dir?"
„Auf die Fürbitte eines Bekannten."
Willibald ging absichtlich über die Frage hinweg,
wer dieser Bekannte sei uud setzte sein Examen fort:
„Wo ist er geboren?"
„Sind denn alle diese Fragen uothwendig, mein
Sohn?"
„Sie werden an Alle gestellt, die mit dein Prozeß
zusammen hängen; indem ich alles dies schon vorher
schriftlich explieire, erleichtere ich den Richtern die Präli-
minarien."
Die Mutter zögerte einen Augenblick mit der Ant-
wort, dann sagte sie:
„In Weimar."
Der Examinator that noch einige gleichgiltige Fragen
mehr, worauf er sich wieder verabschiedete.
Eiue Stunde später verließ er mit der Bahn die
Residenz und kam am andern Mittag mit folgendem
Geburtsschein zurück:
Friedrich August Kasimir Rosenberg, Sohn der
Tänzeriu Adele Rosenberg und des Grafen Kasimir
v. Bernau, geboren n. s. w.
Er war kaum zu Hause augelaugt, als Konrad und
Wellbraudt zu ihm iu's Zimmer kamen, um ihn zu
besuchen.
Willibald erzählte ihnen die Erlebnisse der letzten
Tage und bat sie, das Verhältniß seiner Mntter zu
Roseuberg als Geheimniß zu betrachten.

»Ist Ihnen, Herr Reichsgraf," sagte Wellbraudt,
„trotz des sicheren Beweises, den Sie durch den Geburts-
schein erbringen können, sehr viel daran gelegen, auch
noch die Aussagen Rosenberg's zu erlangen?"
„O ja, dann könnte das Geheimniß meines Groß-
vaters geschont werden, die Veröffentlichung desselben
würde meiner Mutter sehr schmerzlich sein und ihr die
Freude an dem so schwer uud spät errungenen Glück
bedeutend beeinträchtigen."
„Gut, dann folgen Sie mir, Erlaucht, die Autorität
des Herrn v. Lettow über diesen Trunkenbold kann ich
nach meinem Belieben zu jeder Zeit als Erbschaft an-
treten, denn ich habe ihn in meiner Gewalt und kann
ihn noch heute, wenn ich will, des Raubmordes auf
meine Person vor Gericht-anklagen."
„O, das ist ja herrlich!" rief Willibald erfreut aus.
„Ich erzähle Ihnen die Geschichte meiner näheren
Bekanntschaft mit ihm unterwegs. Gehst Du mit, Kon-
rad ?"
„Ich habe ja Maria heute noch nicht gesehen, Vater."
„Ach, das ist wahr," sagte dieser lächelnd, „daran
hatte ich nicht gedacht."
Sie gingen gemeinschaftlich fort, an der nächsten
Straßenecke trennte sich Bollheim von ihnen und die
andern Beiden wanderten nach dem alten Kloster.
Wellbraudt hatte leichtes Spiel, ihm glaubte Rosen-
berg sofort, daß Herr v. Lettow wirklich todt sei, und
versprach, Alles zu thun, was man von ihm fordern
würde.
Die beiden Prozesse begannen, der der Neichsgräfin
Konradine sowie der Willibalds. Die Richter zeigten
einen Eifer, wie noch nie zuvor, es handelte sich ja
auch um die Mutter und den Bruder der zukünftigen
Königin. Nach vierzehn Tagen war er zu Beider Gunsten
entschieden.
Die Reichsgräfin Felseck hatte mit Hermine und
dem Doktor Fabrieius die Insel seit einigen Tagen ver-
lassen und war zu ihrer Tochter Isabella gezogen, wo
sie jetzt dieselben Zimmer bewohnte, die früher die wilde
Prinzessin inne gehabt.
In dem großen Salon befanden sich um die Mit-
tagszeit des Tages, an welchem der Prozeß entschieden
werden sollte, die drei Erstgenannten, sowie auch Maria
Wellbraudt, Herminens Pflegefchwester, die jetzt fast
täglicher Gast hier Ivar, und Klara v. Bollhcim.
Isabella war auf's Schloß gefahren; eine über-
raschende Nachricht, die die Kronprinzessin betraf, hatte
sie veranlaßt, der Letzteren sofort einen Besuch abzu-
statten.
Sie kam bald wieder zurück, mit freudestrahlenden
Augen betrat sie den Saal und ries den Anwesenden
noch auf der Schwelle zu:
„Denkt euch dieses Glück, ich werde nicht Königin
dieses Landes! Die Kronprinzessin —"
'Sie ging darauf zu ihrer Mutter und flüsterte ihr
leise einige Worte^in's Ohr.
„Ach, zu einer Königin," fnhr sie fort, „wäre ich
auch gar nicht passend gewesen. Nenn kann ich mir das
Leben viel behaglicher einrichten, kann mich viel mehr
meinen Freunden widmen, und an meinem lieben Eomer-
see können Prinz Ferdinand und ich jetzt so lange wohnen,
wie es uns gefällt."
Gleich daraus öffnete sich die Thür wieder nnd Willi-
bald stürzte herein mit der freudigen Nachricht, daß
ihre Prozesse gewonnen seien. Ihn: folgten Konrad,
Professor Dehnhardt, Wellbraudt und Broockmann.
Willibald umarmte seine Mutter und beiden stossen
Thräuen der Freude über die Wangen.
Da riß Hantelmnnn die Thür auf uud die Meldung,
die er jetzt machte, fuhr gewissermaßen wie ein Schreck
durch die Glieder der meisten Anwesenden. Er meldete:
„Ihre Königliche Hoheit, die Prinzessin Amalie und
Seine Königliche Hoheit, der Prinz Ferdinand."
Gräfin Konradine faßte sich, wie immer, sehr rasch.
Sie ging dem hohen Besuch bis an die Eingangstmir
entgcgen, und daß sie in den langen Jahren die Hof-
formen noch nicht verlernt hatte, bewies die regelrechte
Verbeugung, mit der sie die Prinzessin empfing, als
diese über die Schwelle rauschte.
„Das ist sie," ries Letztere aus, „die Fran mit den
Weißen Haaren; an mein Herz, Sie stolze Märtyrin,
Sie schwer und lang Geprüfte!"
Die Prinzessin ließ sich alle ihr unbekannten Per-
sonen vorstellen. Zu jeder sprach sie freundliche Worte.
Zu Wellbraudt sagte sie:
„Auch Sie ein ebenso schwer Geprüfter! Seine
Majestät, mein Königlicher Bruder, hat mich soeben
versichert, er würde mit vielem Vergnügen Ihre ebenso
traurige als interessante Geschichte aüs Ihrem eigenen
Mnnde einmal vernehmen."
Wellbraudt verbeugte sich mit vielem Anstande nnd
erwiederte:
„Königliche Hoheit, ich spreche meinen tiefgefühlten
Dank für diese gnadenreichen Worte ans. Ich weiß,
daß Seine Majestät durch die Gnade, mich zu empfangen,
meiner bereits erfolgten öffentlichen Rehalnlitirnng erst
die wirtliche Weihe verleihen will — nun ist mein
Glück vollendet!"
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