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kennbar. Im August 1939 haben wir einen sehr großen Brakteatenfund gemacht, bestehend aus elf Geldsorten und
88 Stücken. Diese Brakteaten sind besser ausgeprägt und waren mitten im oberen Burghof vergraben. Da der
Fund noch nicht eingehender bearbeitet ist, kann über seinen Inhalt und seine Zeitstellung vorerst noch nichts Näheres
gesagt werden. — Die Ausgrabung läuft jetzt im zweiten Jahr. Dank ihrer reichen Funde wird sie bis zur völligen
Klärung des ganzen Geländes fortgesetzt werden, vorausgesetzt, daß die Mittel es erlauben. Der Vollständigkeit
halber sei erwähnt, daß der Berg nicht bloß die mittelalterliche Burgruine getragen hat, sondern bis jetzt Lebens-
und Siedlungsspuren bis in die Hallstattzeit zurück geliefert hat. Nach 1265 ist aber keine Siedlung mehr dorthin
gekommen. Dadurch ist der Fundinhalt des Bodens einwandfrei klar.

Buvgenfahrt ins Sudetenland
13. bis 19. Juni 1939.
Von Hans v. d. Gabelenh, Wartburg.

Z8888ine Fahrt ins Sudetenland weckt in uns Erinnerungen an den „Großen Krieg" wie an jüngste Zeit-
ereignisse. Noch stehen wir alle unter dem Eindruck des gewaltigen, während der Septembertage des
vergangenen Jahres erlebten Geschehens, das unnatürliche, weil Stammesgenossen voneinandertren-
nende Grenzen beseitigte. Damit erfüllte sich innerhalb der böhmischen Grenze ein jahrhundertalter
Traum des Deutschtums. Jahrhundertaltes Unrecht wurde ausgelöscht.
Wie die Burgenfahrt 1938 in die für Deutschland zurückgewonnene Ostmark als kulturelle Pionierarbeit ge-
wertet werden konnte — erfolgte die Borbereisung doch wenige Tage nach dem ewig denkwürdigen Einzug des
Führers in Linz am 12. März, die eigentliche Burgenfahrt nur sieben Wochen nach diesem Zeitpunkt —, so erschloß
die diesjährige Burgenfahrt auf Anregung des Vereinsführers Bodo Ebhardt das den meisten Teilnehmern völlig
fremde Gebiet des Sudetenlandes mit seinen im Altreich kaum den Namen nach bekannten Burgen, Ruinen und
Schlössern. Als Treffpunkt — ich könnte auch sagen: als Einfallstor ins Sudetenland — wurde Görlitz gewählt.
Die alte Stadt an der Neiße eignet sich vornehmlich hierzu, führt der Lauf der Neiße doch unmittelbar"in die der
sächsisch-schlesischen engverwandte böhmische Lausitz. In Görlitz wurde uns der erste gastliche Empfang zuteil, der
glücklicherweise etwas wärmer als der uns vom Wetter bereitete ausfiel. Als Versammlungsort war das schöne
Rathaus gewählt, ein reizender Schmuckbau deutscher Renaissance.
An der Mauer des alten Rathausturmes ist ein spätgotisches Wappen angebracht, mit einem Ritter und einer
Frauengestalt in modischer Tracht und einem naturalistisch gebildeten Löwen, der das Wappen des Königs Matthias
Corvinus auf dem Rücken trägt. Der Wappenstein erinnert daran, daß dieser berühmte Ungarnkönig im Frieden
von Olmütz (1479) die Lausitz dem polnischen König Wladislaw entriß. Auch Böhmen fiel damals an Matthias
Corvinus, eine der glänzendsten Erscheinungen unter den Fürsten der Renaissance.
Der Rathausturm zeigt jene für Görlitz typische Gestalt: ein quadratischer Unterbau geht in einen achteckigen
oder runden Oberbau über und wird von einem zierlichen, offenen Dachtürmchen bekrönt. Durch diese Dachtürmchen
schaut der blaue — oder auch graue! — Himmel hindurch, in den sie mit ihren pfeildünnen Spitzen hineinzustoßen
scheinen. Ein reiches Renaissanceportal führt ins Rathaus, dessen Jnnenräume schöne Holz- und Stuckdecken tragen.
Nach einer Begrüßungsansprache Vonseiten des stellvertretenden Oberbürgermeisters vr. König und Erwide-
rung darauf durch den Vereinsführer, hielt Museumsdirektor vr. Asche einen einleitenden Bortrag über die Stadt-
geschichte von Görlitz. Glücklicherweise ist in Görlitz die Anlage des Stadtinnern in allen wesentlichen Teilen gut
erhaltengeblieben. Es fällt nicht schwer, an der Hand alter Ansichten und Pläne und nach einem Rundgang durch
die Stadt selbst, sich ein Bild zu machen von der den Übergang über die Neiße gleichsam als Brückenkopf schützenden
Altstadt. Wo die alten Gräben im Laufe der Zeiten ausgefüllt wurden, da helfen die Straßennamen, deren ur-
sprünglichen Verlauf festzustellen. Alte Tore und Türme sind noch in Menge erhalten, auch die Zahl stattlicher Giebel-
häuser aus der Zeit der Gotik bis zum Barock und Rokoko ist erfreulicherweise noch recht ansehnlich.
Unser Rundgang durch Görlitz führt uns zunächst zur gotischen Peterskirche, einem gewaltigen Bau, au dessen
Äußern und Innern mehrere Jahrhunderte von der Frühgotik bis zum Barock gewerkt haben. Unvergeßlich wird
jedem Besucher der Eindruck der riesigen Hallenkirche bleiben, deren Wirkung im Halbdunkel gemalter Kirchensenster
noch gesteigert wird. Der Phantasieeindruck ist ungeheuer, um so mehr, als man aus dem Äußern auf so gewaltige
Jnnenräume gar nicht schließen würde. Als besonders glücklich ist es zu bezeichnen, daß dieser ehrwürdige Kirchen-
bau von neugotischem Tatendrang verschont blieb, daß beispielsweise die wundervolle Barockorgel nicht etwa in ein
neugotisches Ungeheuer verwandelt, die in der Barockzeit eingebauten Emporen nicht als stilwidrig entfernt, sondern
an Ort und Stelle belassen wurden.
 
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