Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
25

sich ein runder Bergfried. Im so-
genannten Waffenzimmer beginnt
der Rundgang durch die mit wertvol-
len Erinnerungen an den Dreißigjäh-
rigen Krieg ungefüllten Räume. Bon
den Wänden blicken Heerführer und
Kaiser jener denkwürdigen Kriegs-
zeit etwas hochmütig und befremdet
auf uns moderne Besucher herab.
Da ist ein Bildnis des Generalissi-
mus Grafen Buquoy, der die
Schlacht am Weißen Berg für Kai-
ser Ferdinand II. gewann, von die-
sem mit Ehrungen überhäuft wurde.
Gegen Abend kommen wir auf
Schloß Gratzen an, ebenfalls im
Besitz der Grafen von Buquoy. Das
im Empirestil erbaute Schloß wird
uns bereitwilligst zugänglich gemacht.
Graf und Gräfin Buquoy überneh-
men auch hier selbst die Führung
ihrer zahlreichen Gäste. Als Erinnerungsstück an den genannten Generalissimus wird eine kostbare Prunkrüstung
im Schloß aufbewahrt: Helm, Brustpanzer, Arm- und Beinschienen, Handschuh, Schwert, Helmbarte. Der Graf
erhielt sie von Kaiser Ferdinand II. als Dank für den Sieg in der Schlacht am Weißen Berg.
Nur einige von uns Burgenfahrern können im Schloß Gratzen selbst untergebracht werden, andere werden
bis Schloß Weitra gefahren, das vom Erbprinz von Fürstenberg den Gästen aus dem Altreich ebenfalls zur Ver-
fügung gestellt wurde. Die weiträumige Anlage mit einem offenen Arkadenhof, Galerien, breiten Steintreppen
läßt darauf schließen, daß auch dieses Schloß, in unseren: Klima während der kälteren Jahreszeit kaum bewohnbar,
von Italienern gebaut wurde.
Unser letzter Reisetag (19.Juni) brachte uns noch manch schöne Eindrücke. Heidenreichstein, eine turmbewehrte
malerische Wasserburg, gibt unter all den besuchten Burgen und Schlössern wohl am vollständigsten das Bild einer
mittelalterlichen Wehranlage wieder. Wechselvoll ist die bis ins frühe Mittelalter zurückreichende Geschichte dieses Boll-
werks der Deutschen gegen Böhmen und Mähren. Seit den: 17. Jahrhundert gehört Heidenreichstein den Fürsten Palffy.
Ihnen gebührt das Verdienst, die alte Burg in mustergültiger Weise wiederhergestellt und eingerichtet zu haben. Sie
würde eine gründlichere Beschreibung verdienen, als hier geboten werden kann. Uber eine Zugbrücke führt der Weg in
den inneren Schloßhof. Ein Gußerker über dem Brückentor diente zur Verteidigung des inneren Burgbezirks. In einem
der mächtigen Rundtürme ist eine Kapelle eingebaut, deren flache Holzdecke ursprünglich bemalt war. Unter den Möbeln
fallen die vielen alten Stücke auf, Schränke, Tische, Truhen aus dem späteren Mittelalter und der Renaissance.
Noch einmal fahren wir an Park und Schloß Gratzen vorbei, dann halten wir kurze Mittagsrast in dem durch
seine wohlerhaltene Wehranlage ausgezeichneten Ort Freystadt. Der Kirche von Kefermarkt, unfern von Frey-
stadt, wird im Vorbeifahren ein leider allzu flüchtiger Besuch abgestattet. In dem figurenreichen Hauptaltar von
Kefermarkt sehen wir eine der bedeutendsten Leistungen deutsch-österreichischer Schnitzkunst der Spätgotik. Unwill-
kürlich wird man an sein noch berühmteres Gegenstück, den Altar Michael Pachers in St. Wolfgang, erinnert. Als
künstlerische Großtat weckt der Altar von Kefermarkt höchste Bewunderung. Mir erscheint er gleichsam wie ein Be-
kenntnis zum deutschen Wesen, das aus den Zügen der verschiedenen Heiligen so ergreifend zu uns spricht.
Als letzten Ort besuchen wir das dem Freiherrn von Gablenz gehörige Schloß Weinberg. Gründliche
Wiederherstellungsarbeiten haben das Gebäude in bewohnbaren Zustand versetzt, außerdem zur Aufnahme reich-
haltiger Sammlungen benutzbar gemacht. Durch Adoption gelangte das ehemals der bayrischen Familie der Grafen
Thürheim eignende Gut in die Hände seines jetzigen Besitzers. Er und seine Gattin ließen es sich nicht nehmen, uns
selbst durch die mit vielerlei Sammlungen ausgestatteten Säle zu führen.
Gegen Abend wird nach langer Fahrt Gmunden am Traunsee erreicht, Endziel und landschaftlich schöner
Abschluß unserer Reise.
Die Burgenfahrt ins Sudetenland machte uns mit einer der reizvollsten Gegenden unseres großdeutschen
Vaterlandes bekannt, die bisher, mit Ausnahme der böhmischen Bäder, merkwürdig wenig bekannt war und noch ist.
Daß wir diesen von Deutschen seit Jahrhunderten gegen die Slawen zäh verteidigten schönen Gau gerade in unseren
schicksalsschweren Tagen durchwandern durften, gestaltete die Fahrt zu einem besonderen Erlebnis. Denn nicht
nur in der Vergangenheit, auch in der Gegenwart, haben unsere Volksgenossen des Sudetenlandes, und nicht zum
wenigsten gerade Besitzer und Angestellte der von uns besuchten Schlösser, ihr Deutschtum gegen alle Angriffe ge-
schützt, auch da, wo sie auf fast verlorenem Posten standen.
 
Annotationen