Caetani Lovatelli, Ersilia
Antike Denkmäler und Gebräuche — Leipzig, 1896

Seite: 89
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Schoosse der Erde entspringen, in allen arischen
Mythologien als Übertragungsmittel nicht allein der
Kraft, sondern auch des Gedankens der Gottheit er-
scheint, so wurden, wie schon früher bemerkt, alle
dem nassen Elemente angehörenden Gottheiten als
prophetisch und poetisch begabt angesehen. Der Quell
Aganippe auf dem Helikon soll zahlreiche Visionen in
der Seele der Dichter erregt haben, und das Wasser
des kastalischen Quells war nothwendig zu prophetischer
Begeisterung und dichterischem Schwung. In der Höhle
des Trophonius begünstigte und erleichterte das Mur-
meln des Wassers die Visionen.

Die Musen waren anfänglich nur Verkörperungen
der Quellen, deren Gewässer zugleich mit dem dichte-
rischen Wahnsinn die Gabe der Weissagung verliehen;
die Nymphen, Gottheiten der Quellen und Brunnen,
welche in thauigen Grotten und unter dem grünen
Laubdache blumiger Haine wohnten, genossen hohe
Verehrung, namentlich die, welche den als heilkräftig
geltenden Gewässern vorstanden. Auf diese allgemeine
Anschauung sind ohne Zweifel die Marmordenkmäler zu-
rückzuführen, auf welchen man liest: Nymphis sahäiferis,
Nymphis pro salute, sowie das ihnen geweihte capitoli-
nische Relief, auf dem man die drei Grazien neben
Aesculap abgebildet sieht, lauter Votivdenkmäler und
Zeichen der Dankbarkeit der Kranken für die Nymphen,
die selbst zuweilen Aquae fervenles genannt werden.
„Stunde der Nymphen" hiess bei den Griechen die
fünfte Stunde des Tages, welche die Badezeit war.

Man glaubte überdies, dass, wer immer dem
Blicke einer jener göttlichen Jungfrauen begegnet sei,
sofort von einer Art ekstatischen Wahnsinns erfasst
werde, der die Kraft verleihe, zukünftige Dinge zu
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