Chrościcki, Juliusz A. ; Rottermund, Andrzej
Architekturatlas von Warschau — Warschau, 1978

Page: 33
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ENTWICKLUNG DER ARCHITEKTUR UND DES BAUWESENS

Die Anfänge des Bauwesens im Raum Warschau reichen bis zur Wende des 13.
zum 14.Jahrhundert zurück, und die erste Entwicklungsetappe ging mit der
großen Feuersbrunst von 1607 zu Ende. Zu den charakteristischen Baustilen dieser
Zeit gehören die Gotik, Spätgotik und Renaissance. Vom Beginn des 17.Jahr-
hunderts bis zum verheerenden Einfall der Schweden in den Jahren von 1655 bis
1657 dauerte die Zeit des Frühbarocks, der auch als Wasa-Barock bezeichnet wird.
Die nächste Entwicklungsphase, der Hochbarock, fiel in die zweite Hälfte des
17. Jahrhunderts und reichte etwa bis zum Jahre 1700. Auf die Regierungszeit der
Sachsenkönige (1697-1763) gehen zwei Stilrichtungen - Spätbarock und Rokoko-
zurück. Der komplexe Charakter der Architektur des Zeitalters der Aufklärung,
das in die Regierungszeit von Stanislaw August (1764-1795) fällt, brachte zwei
Hauptströmungen hervor: Architektur mit ziemlich starken Verbindungen zum
Barock sowie zu antiken Vorbildern. In der Architektur der Wende vom 18. zum
19.Jahrhundert können ebenfalls romantische Strömungen, wie Neugotik und
exotische Kunst, unterschieden werden. Ein besonderes Kapitel ist den hervorra-
genden Leistungen der Warschauer Architektur im Königreich Polen gewidmet.
Die spätere Architektur des 19.Jahrhunderts behandeln zwei, und jene der Jahre
von 1900 bis 1939 ein Kapitel, das die Phänomene des Jugendstils, des Modernis-
mus und des Funktionalismus umfaßt. Das Schlußkapitel beschäftigt sich mit der
Architektur nach 1945.
Seit Beginn des 17.Jahrhunderts war Warschau ein Zentrum des politischen,
gesellschaftlichen und künstlerischen Lebens; die neuen Stilformen strahlten
seither von dort auf die provinziellen Zentren aus. Im vorliegenden Band gilt
deshalb die besondere Aufmerksamkeit den für Warschau spezifischen Phäno-
menen in der Architektur und im Städtebau.

DIE ARCHITEKTUR BIS ANFANG DES 17.JAHRHUNDERTS
Der von einer Ringmauer umgürtete Stadtkern und das bei Gründung der Stadt
angelegte Straßennetz füllten sich rasch mit Holz- und später mit gemauerter
Bausubstanz. Reste hölzerner Firsthäuser legte man 1952 während archäologischer
Ausgrabungen frei. Im Laufe des 14.Jahrhunderts wurden mehr als zwölf Wohn-
komplexe errichtet, die jeweils aus einem Wohnhaus, einem Wirtschaftsgebäude,
einer Toreinfahrt zum Hof und einer beide Gebäude verbindenden Galerie (z.B.
Krzywe Kolo 6) bestanden. Die meist zweigeschossigen Wohnhäuser hatten zwei
Trakte. Die Kellergeschosse waren stärker ausgebaut und bestanden beispiels-
weise in den Wohnhäusern am Altstädtischen Markt (Zakrzewski-Seite) aus drei
Trakten. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts erließ Herzog Boleslaw IV. ein Verbot,
Holzbauten am Markt zu errichten; im Ergebnis entstanden mehr als 50 Wohn-
häuser und mehrere Wirtschaftsgebäude aus Ziegelstein. Im 16.Jahrhundert be-
wirkten der ökonomische Aufschwung und der beträchtliche Bevölkerungszuwachs
das Aufstocken von Wohnhäusern (bis zu drei oder vier Geschossen, z.B. Ulica
Nowomiejska 15). Die Anordnung der Baugründe und die Gestaltung der Wohn-

Schemata von Erdgeschossen der Warschauer
Bürgerhäuser im 15.-16.Jahrhundert (Rynek Stare-
go Miasta 18 und Ulica Nowomiejska 5)


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