Chrościcki, Juliusz A. ; Rottermund, Andrzej
Architekturatlas von Warschau — Warschau, 1978

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Aigner sah sich außerstande, den zahlreichen Aufträgen allein nachzukommen.
Deshalb wurde 1818 der Italiener Antonio Corazzi nach Warschau gerufen, der
verschiedene monumentale, von säulenreichen Portiken und langen Säulengängen
umgebene Bauwerke errichtete. Das noch z.B. im Barockstil erbaute Staszic-Palais
(Ulica Nowy Swiat 27) kündigte bereits weitere große Projekte an: das Mostowski-
Palais (Ulica Nowotki 15), den Regierungsgebäudekomplex am Plac Bankowy
(jetzt Plac Dzierzynskiego 1/3/5) und das Große Theater (Plac Teatralny). Die Re-
gierungsgebäude schlossen den Plac Bankowy mit einer einheitlichen monumenta-
len Front ab, wodurch eine Stadtansicht von ungewöhnlichem Charakter entstand.
Drei Bauwerke Corazzis repräsentierten zugleich drei verschiedene architektonische
Konzeptionen. Das Palais der Kommission für Einkünfte und des Staatsschatzes,
bei dem Corazzi die Anordnung des früheren Barockschlossen nachempfand, lehnte
sich an die römische Antike an. Der private Charakter des Palais des Finanzmini-
sters ermöglichte eine ungezwungene Komposition. Das Gebäude der Börse und
der Polnischen Bank, das mit Jan Jakub Gay gemeinsam projektiert wurde, bildete
das vollkommenste Bauwerk des ganzen Komplexes; es war in seinei Form dem
abgerundeten Eckhaus in der Ulica Elektoralna angepaßt, mit einer Kette von
zweigeschossigen Arkaden umgeben und kuppelüberdeckt. Die ungeordnete
Arkadierung der Fassade und die Art der Gestaltung der Haupthalle zeugen von
der Übernahme neuester architektonischer Gesichtspunkte. Das nächste Werk
Corazzis, in seiner Monumentalität den größten Bauten seiner Art in Europa
ebenbürtig, war das in den Jahren von 1825 bis 1833 errichtete Große Theater.
Seine Komposition knüpft an das von Karl Friedrich Schinkel errichtete Berliner
Schauspielhaus an. Corazzi schaltete sich darüber hinaus mit seinen Entwürfen
in die große städtebauliche Neuordnung Warschaus ein. Bei der Gestaltung der
Plätze Teatralny und Bankowy brach er mit der Symmetrie des Barocks und schuf
städtische Plätze mit differenzierter Bebauung. Bei den Ordnungsarbeiten spielte
auch Jakub Kubicki, der Schöpfer des Regulierungsprojektes von Praga, des
Schloßplatzes und auch der architektonischen Gestaltung der Zufahrtsstraßen
(Zollhäuser am Plac Unii Lubelskiej und in der Ulica Zamoyskiego) eine bedeuten-
de Rolle. Der traditionelle Klassizismus war grundsätzlich die einzige Ausdrucks-
form dieser Baumeister; davon zeugt unter anderem das in den Jahren von 1818
bis 1822 erbaute Belvedere, das bewußt an die beträchtlich älteren Landschlösser
anknüpfte.
Die wichtigste Errungenschaft der Ordnungsaktion war die Vereinheitlichung der
städtischen Bebauung, hauptsächlich der Bürgerhäuser in den Straßen Nowy
Swiat, Bednarska, 2abia und Dluga. Die erste Gruppe bilden mehrachsige, schloß-
ähnliche Gebäude an den repräsentativsten Stellen der Hauptstadt, z.B. die
Bürgerhäuser von Holowczyc (Ulica Nowy Swiat 35), Mikulski (Ulica Nowy
Swiat 53), Bentkowski (Ulica Nowy Swiat 49), Zrazowski (Ulica Nowy Swiat 62)
und Petyskus (Ulica Senatorska 27). Die zweite Gruppe setzt sich aus Bürger-
häusern mit mehrachsigen Fassaden und einer Vielzahl von Räumen zusammen,
die jedoch keine Ähnlichkeit mit Schlössern aufweisen (Ulica Miodowa 18). Zur
letzten Gruppe gehören die bescheidenen drei- oder fünfachsigen Häuser (Ulica
Nowy Swiat 25 und 40). Das neue Bild der Hauptstadt, das hauptsächlich von Co-
razzi, Aigner und Kubicki geprägt wurde, beeinflußte auch die Architektur in
anderen Städten, z.B. Kalisz und Plock, und der einheitliche Charakter wie die
gediegene Ausführung bewirkten, daß die Warschauer Architektur aus der Zeit
des Königreiches Polen zu den interessantesten baukünstlerischen Phänomenen
im damaligen Europa gehört.
Bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts war der Klassizismus der dominierende, das
Stadtbild prägende Stil. Man bevorzugte klassizistische Formen bei der Errichtung
von Palais (Ulica Chelmska 21), Herrenhäusern (Ulica Radzyminska 49, Ulica
Ksaweröw 13) und öffentlichen Gebäuden (Ulica Pulawska 97).

DIE HISTORISIERENDE BAUKUNST DES 19.JAHRHUNDERTS IN WARSCHAU
ln der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts galten Nützlichkeit und Sparsamkeit als
wichtigste architektonische Kriterien. Es entwickelte sich eine relativ schmucklose
Architektur, die bemüht war, ihrer praktischen Funktion gerecht zu werden. Zu-
gleich schöpften die Architekten aus den bisherigen Erfahrungen der Baukunst.
Für Warschau war der Umbau des Blauen Palais in den Jahren von 1812 bis 1815
von bahnbrechender Bedeutung. Friedrich Albert Lessei schuf ein Werk, das sich
durch die Strenge seiner von dekorativen Elementen der Neurenaissance durch-
setzten architektonischen Form auszeichnete. Nicht weniger zurückhaltend griffen

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