Chrościcki, Juliusz A. ; Rottermund, Andrzej
Architekturatlas von Warschau — Warschau, 1978

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Komposition und Konstruktion ab, was eine ungezwungenere Gestaltung des
Gebäudes ermöglichte. Die Avantgarde der Warschauer Architekten bildeten
Bohdan Lächert (Ulica Katowicka 9), Jerzy Szanajca (Ulica Chmielna 75), Bar-
bara und Stanislaw Brukalski (Ulica Niegolewskiego 24), Julian Puterman-Balow-
ski (Ulica Nowogrodzka 45), Maksymilian Goldberg (Ulica Marszalkowska 3/5
und 56), Juliusz Zörawski (Aleja Przyjaciöl 3) u.a. Die zweckentsprechende Archi-
tektur verband sich eng mit dem sozialen Programm der Idee einer Kleinwohnung.
Im Ergebnis der Experimente entstanden die ersten Warschauer Wohnsiedlungen,
die wegen ihrer künstlerischen Qualitäten zu den besten baukünstlerischen Lei-
stungen zwischen den beiden Weltkriegen gehören (Wohnsiedlungen der War-
schauer Wohnungsbaugenossenschaft in Zoliborz und Rakowiec, Wohnsiedlungen
der Sozialversicherungsanstalt im Stadtteil Zoliborz).

DIE ARCHITEKTUR NACH 1945
In der Architektur der Nachkriegszeit werden für gewöhnlich mehrere Etappen
unterschieden, die den Zeiträumen der Volkswirtschaftspläne entsprechen. Im
Hinblick auf die tiefgreifenden Strukturwandlungen im wirtschaftlichen und so-
zialen Bereich, den technologischen Fortschritt und den Wandel der architektoni-
schen Formen läßt sich das baukünstlerische Schaffen der letzten drei Jahrzehnte
in vier Etappen einteilen: 1945-1949, 1950-1956, 1957-um 1970, seit etwa 1970 bis
zur Gegenwart. Für Warschau ist die erste Etappe von besonderer Bedeutung.
Die Jahre des Zweiten Weltkrieges löschten die Hauptstadt fast vollständig aus.
Der 1945 berufene Oberste Rat für den Wiederaufbau Warschaus und dessen Or-
gan-das Büro für den Wiederaufbau der Hauptstadt-gingen mit großem Elan und
Selbstvertrauen an den Wiederaufbau. Man begann mit der Wiederherstellung des
zum normalen Funktionieren einer jeden Stadt notwendigen Wasserversorgungs-
und Kanalisationsnetzes und dem Wiederaufbau der ausgebrannten Gebäude-
komplexe aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Zugleich wurde der Wie-
deraufbau und die Rekonstruktion der historischen Gebäudekomplexe in Angriff
genommen. Die zunächst spontane Aktion verwandelte sich nach und nach in
einen planmäßigen Wiederaufbau ganzer Stadtteile; daneben entstanden neue
Komplexe und Anlagen. Der Wiederaufbau des historischen Stadtkerns stellt in
der Geschichte der Denkmalpflege eine einmalige Leistung dar. Rekonstruiert
wurden die Baudenkmäler der Altstadt und der Neustadt, des Straßenzuges Kra-
kowskie Przedmiescie, Nowy Swiat und Aleje Ujazdowskie sowie der Straßen
Dluga, Miodowa und Senatorska. Die vom Fluß aus gut sichtbare Silhouette der
Altstadt, die Kirchen und Palais längs des hohen Weichselufers, die malerischen
Abschnitte der Straße Krakowskie Przedmiescie oder die an Grün und anmutigen
Palais reichen Aleje Ujazdowskie gehören wieder zu den schönsten Teilen der
Stadt. Der Stadtkern der polnischen Metropole bewahrte seinen einmaligen, indi-
viduellen Charakter. Das große Werk des Wiederaufbaus der Warschauer histori-
schen Baudenkmäler wird mit der Rekonstruktion des Königsschlosses und des
Ujazdowski-Palais vollendet sein. Diese Bauwerke bestimmten schon immer das
Stadtpanorama von der Weichsel her. Unter dem Schutz der Behörden stehen alle
Gebäude, die während des Zweiten Weltkrieges der Zerstörung entgangen sind.
Heute herrscht eine völlig neue Einstellung zu den bis vor kurzem noch mißachteten
Bürgerhäusern, zu den öffentlichen Gebäuden oder auch zu den Industriebauten
aus dem vorigen Jahrhundert. Es wird nunmehi deutlich, daß sie in der modeinen
städtischen Bebauung zu wichtigen Akzenten werden können, die die Monotonie
auflockern. In der Architektur der öffentlichen Gebäude wurden nach 1945 die
funktionalen Richtungen der zwanziger und dreißiger Jahre fortgesetzt. Zu den
ausgezeichneten baukünstlerischen Lösungen gehören die von Bohdan Pniewski
entworfenen Bauwerke. Die Funktion des Gebäudes des Ministeriums für Ver-
kehrswesen (Ulica Chalubinskiego 6) betonte der Architekt, indem er die Eingangs-
rotunde von dem Baukörpern zweier Bürohäuser löste. Das neue Sejmgebäude
(Ulica Wiejska 4/6) gestaltete er als einen Komplex zweigeschossiger Flachbauten
mit Innenhöfen. Die einfache und geräumige Anordnung sowie die interessante
Konstruktion wurden jedoch durch dekorative Details teilweise verwischt. Eine
monumentale und außerordentlich rationale Lösung erhielt der Gebäudekomplex
der Polnischen Nationalbank (Ulica Swietokrzyska 11/21). Bei der Gestaltung der
Innenräume des Großen Theaters und der Oper (Ulica Senatorska 21/23/25)
bewies Bohdan Pniewski einmal mehr seine große Meisterschaft, auch bei der Wahl
des Materials. Neben Pniewski war die hervorragendste Persönlichkeit jener Jahre
Romuald Gutt. Durch eine interessante Komposition und moderne Konstruktion

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